Warum die Ehe zum Auslaufmodell wird
Im Glattal finden heute weniger Trauungen statt als vor einigen Jahrzehnten. Die Zahl der Eheschliessungen pro 1000 Einwohner ist um rund 40 Prozent gesunken. Soziologe François Höpflinger erklärt, warum die Ehe an Bedeutung verliert und welche Modelle die Gesellschaft künftig prägen könnten.
Weisse Rosen, die durch die Luft fliegen, Sektkorken, die knallen, das obligate Foto vor dem Zivilstandsamt: Solche Szenen waren in Kloten, Opfikon und Wallisellen in den vergangenen Monaten oft zu sehen. Der Sommer ist die beliebteste Zeit zum Heiraten. Doch der Schein trügt – Heiraten scheint zunehmend aus der Mode zu kommen. In den drei Städten im Glattal ist die Zahl der Eheschliessungen pro 1000 Einwohner markant gefallen: In Opfikon sank der Wert von 9,5 (1991) auf 4,4 (2025), im gleichen Zeitraum in Wallisellen von 8,7 auf 4,6 und in Kloten von 8,7 auf 4,7.
Und der Blick auf den ganzen Kanton zeigt dasselbe Bild. Gemäss dem Amt für Statistik und Daten sank die Zahl der Eheschliessungen pro 1000 Einwohner von 7,5 (1991) auf noch 4,5 (2025) – ein Rückgang um rund 40 Prozent.
Weniger Ehe, spätere Hochzeit
Weshalb geben sich Schweizerinnen und Schweizer immer seltener das Jawort? Für den Familiensoziologen François Höpflinger von der Universität Zürich ist die Sache klar: «Der Hauptgrund für den Rückgang der Heiratshäufigkeit ist die zunehmende Verbreitung nichtehelicher Partnerschaften.» Vor allem jüngere Paare ohne Kinder lebten häufig in einer Konsensualpartnerschaft. Wenn überhaupt geheiratet werde, geschehe dies zudem oft erst kurz vor oder nach der Geburt eines Kindes.
Neben der zunehmenden Verbreitung nichtehelicher Partnerschaften zeigen sich zwei weitere Entwicklungen: Frauen heiraten heute mit 31 statt 25 Jahren, Männer mit 32 statt 27 Jahren. Gleichzeitig wird generell immer weniger geheiratet: «Gegenwärtig heiraten nur 50 Prozent der Frauen und 45 Prozent der Männer. 1990 waren es noch 75 Prozent der Frauen und 70 Prozent der Männer», sagt Höpflinger. Auch Geschiedene heiraten seltener erneut: Bei den Frauen sank die Wiederverheiratungsrate seit 1990 von 59 auf 28 Prozent, bei den Männern von 66 auf 32 Prozent.
Ein Röstigraben bei der Heirat
Ein Blick in die Statistik des Bundes zeigt deutliche Unterschiede je nach Kanton. Bei den Frauen liegt die Erstheiratsziffer pro 100 Personen in Schwyz bei 62,6, in Nidwalden bei 61,5 und in Uri bei 60,8. Am tiefsten ist sie im Jura (39,4), in Neuenburg (40,3) und Genf (42,8). Bei den Männern zeigt sich ein ähnliches Bild – Spitzenreiter sind die beiden Appenzell und Uri, am unteren Ende stehen das Tessin, der Jura und Neuenburg. Ländlich-katholische Regionen halten der Ehe also stärker die Treue als die urbane und die französischsprachige Schweiz. Zürich liegt mit 51,0 im Mittelfeld und damit leicht über dem Schweizer Wert von 50,2.
«Destruktive Kritik und emotionaler Rückzug haben besonders negative Folgen.»
François Höpflinger, Professor für Soziologie an der Universität Zürich
Auch die Scheidungen sinken
Parallel zu den Heiraten gehen auch die Scheidungszahlen zurück – allerdings nur leicht. Trotzdem bleibt das Niveau hoch: 2024 gingen fast 40 Prozent der Ehen in die Brüche. Für Höpflinger ist der Rückgang der Scheidungszahlen teilweise ein statistischer Effekt: «Dadurch, dass weniger Leute heiraten, reduzieren sich auch die offiziellen Scheidungszahlen.» Gleichzeitig finden Trennungen häufiger ausserhalb der Ehe statt und tauchen deshalb in keiner Scheidungsstatistik auf: «Konsensualpaare erfahren noch häufiger als Ehepaare eine Trennung. Diese Trennungen werden statistisch nicht erfasst.»
Interessant sind die Gründe, die Ehen scheitern lassen. «Bei jungen Ehen sind es eher finanzielle Probleme, Rollenkonflikte oder Unstimmigkeiten bei der Kindererziehung», sagt François Höpflinger. Bei länger dauernden Beziehungen dagegen gehe es häufiger um Gründe, die mit der Partnerschaft selbst zusammenhingen – etwa unterschiedliche Interessen und Einstellungen oder den Verlust des Liebesgefühls. Frauen nennen laut dem Soziologen in langjährigen Beziehungen zudem oft fehlende Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Partnerschaft als wichtigen Grund.
Entscheidend sei letztlich die Kommunikation. Studien würden zeigen, dass insbesondere Defizite in der ehelichen Verständigung das Scheidungsrisiko erhöhten. «Besonders negative Folgen haben destruktive Kritik, verächtliche Kommunikation und emotionaler Rückzug des Partners oder der Partnerin», sagt Höpflinger. Umgekehrt seien gerade bei gut ausgebildeten Paaren die Beziehungen stabiler geworden – auch weil viele Entscheide heute gemeinsam getroffen würden. Je partnerschaftlicher eine Beziehung, desto geringer das Trennungsrisiko in den frühen Jahren.
Wer sich trotz allem für die Ehe entscheidet, dürfte künftig tiefer in die Tasche greifen müssen. Der Bundesrat schickte im Juni 2026 eine Änderung der Verordnung über die Gebühren im Zivilstandswesen in die Vernehmlassung. Grund: Die heutigen Tarife decken bei den Zivilstandsämtern weniger als die Hälfte der anfallenden Kosten. Über 100 Franken mehr soll eine standesamtliche Trauung künftig mindestens kosten. Wer sich ausserhalb des Standesamts trauen lassen will, zahlt neu 200 statt 50 Franken zusätzlich. Die Vernehmlassung dauert noch bis Mitte Oktober.
Andere Modelle boomen
Laut Höpflinger gewinnen alternative Beziehungsformen zunehmend an Bedeutung – von der gleichgeschlechtlichen Ehe bis zu «living apart together», also Paaren in getrennten Haushalten. Mit dem Pacs wird zudem ein Modell zwischen Ehe und Konkubinat diskutiert (siehe Box).
Und wie steht es um die klassische Ehe? Vielleicht wendet sich das Blatt ja wieder und die Standesämter bekommen wieder mehr zu tun. Der Blick des Soziologen lässt allerdings wenig Raum für Hoffnung. Höpflinger bleibt bei seiner Einschätzung: «Die Erstheiratshäufigkeit wird sich in den kommenden Jahren weiter leicht reduzieren.»
Bald ein Mittelweg zwischen Ehe und Konkubinat? Dass die klassische Ehe an Zugkraft verliert, ruft auch die Politik auf den Plan. Die Rechtskommission des Ständerats hat einen Vorschlag für einen gesamtschweizerischen Pacs vorgelegt, einen «Pacte civil de solidarité» zwischen Ehe und Konkubinat. In Genf und Neuenburg gibt es ihn bereits. Gedacht ist er etwa für jüngere Paare, denen das Heiraten noch zu weit weg ist, die aber trotzdem mehr Schutz für ihre Beziehung wollen – oder für ältere Menschen, die nicht mehr heiraten möchten. Eine «Ehe light» wäre der Pacs allerdings kaum: Adoptionen sind nicht vorgesehen, bei Namen, Steuern, AHV und Erbe bliebe alles wie bei Unverheirateten. Verpflichtend wäre einzig, während der Dauer des Pacs finanziell füreinander zu sorgen. Kritik kommt von SVP und dem konservativen Flügel der Mitte, die eine Schwächung der Ehe befürchten. Bis Ende September können Parteien, Kantone und Verbände Stellung nehmen, das Parlament dürfte sich frühestens 2027 damit befassen. |