Die Hitze kostet den Hardwald Kronen
Braune Blätter, kahle Wipfel, staubtrockener Boden: Der Rekordsommer hat dem Hardwald zugesetzt. Revierförster August Erni warnt vor Spätfolgen und kritisiert den Kanton für die Aufhebung des Feuerverbots.
Dass die Blätter im Hardwald rötlich werden, ist nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist, wie früh es dieses Jahr losging. Schuld ist der Rekordsommer. Er war der heisseste seit Messbeginn 1864, in Kloten kletterte das Thermometer auf 38,3 Grad. Von April bis August fiel im östlichen Mittelland nur gut die Hälfte des üblichen Regens.
Hitze oder Trockenheit, was schadet mehr? «Es ist beides», sagt August Erni, Revierförster im Forstrevier Hardwald Umgebung. Den Bäumen fehlt es an Wasser, und die Sonne verschärft das: Fehlt dem Blatt die Feuchtigkeit, verbrennt es. «Darum hatten wir so früh schon rote Blätter.»
Der Regen kam nie unten an
Anfang September schien die Erlösung endlich nahe: Nach Wochen ohne nennenswerten Niederschlag regnete es. Der Kanton hob darauf das Feuerverbot auf, das seit Ende Juni gegolten hatte.
Erni hält die Aufhebung für falsch: «Aus meiner Sicht war das ein Büroentscheid.» Im Wald sei vom Regen kaum etwas angekommen. «Stellen Sie sich vor, es fängt an zu regnen, und Sie haben keinen Schirm dabei: Wo stellen Sie sich hin?», fragt er und beantwortet die Frage gleich selbst: «Unter einen grossen Baum. Dann dauert es eine halbe Stunde, bis es dort überhaupt zu tropfen beginnt.» Bei einem kurzen Sommerregen komme oft weniger als die Hälfte am Boden an, gibt der Förster zu bedenken. «Es staubt immer noch. So trocken ist es.»
«Der Baum hat sich selber kürzer gemacht, damit er überleben kann.»
Inzwischen gilt wieder Waldbrandgefahrenstufe 3, ein Feuerverbot aber nicht. Das begründet die Baudirektion des Kantons Zürich auf Anfrage so: «Die Tage sind jedoch kürzer und die Nächte kühler als im Juli und August, deshalb bildet sich in der Nacht Tau.» Sie stellt aber auch klar: «Ein erneutes Feuerverbot könnte nötig werden, wenn Niederschläge weiterhin ausbleiben, der Waldboden sowie Blätter und Totholz weiter austrocknen und die Waldbrandgefahr auf Stufe 4 steigen würde.»
Die Bäume sterben von oben
Dass so wenig Regen ankommt, ist gefährlich, denn der eigentliche Schaden zeigt sich erst später. Ein Baum wird im Hardwald 35 bis 40 Meter hoch und muss das Wasser bis in die Krone transportieren. Fehlt es unten, kommt es nur noch bis auf eine gewisse Höhe, darüber verdorrt der Baum. Das zeigte sich schon nach den Hitzesommern 2003 und 2018. «Von 40 Metern sind die obersten fünf oder zehn Meter abgestorben», erklärt Erni. «Der Baum hat sich selber kürzer gemacht, damit er überleben kann.»
Daraus entsteht die Gefahr durch Äste, die herunterkrachen. Gebannt ist sie trotz des Regens nicht: «Das bleibt die nächsten drei, vier Jahre gefährlich. Wie viele Bäume es erwischt hat, sieht man erst in zwei, drei Jahren.» Denn geschwächte Bäume treiben oft erst im nächsten Frühling nur spärlich aus. Das sieht auch die Forschungsanstalt WSL so: Sie beobachtete nach 2018 fast tausend Buchen. Jene, die damals früh das Laub abwarfen, waren drei Jahre später zu 7,2 Prozent abgestorben, die übrigen zu 1,3 Prozent.
Wer im Wald unterwegs ist, bleibt deshalb besser nicht unter grossen Kronen stehen. «Ich sehe es dem Baum nicht an», so der Förster. Sichtbar wird die Gefahr ohnehin selten, denn kranke Bäume werden gefällt, bevor jemand zu Schaden kommt. «Dann haben alle das Gefühl, der Wald sei gesund, und wir würden auf hohem Niveau jammern», sagt Erni.
Bäume, die es nicht geben dürfte
Unter Druck stehen die vier Arten, aus denen der Mittellandwald zum grossen Teil besteht: Fichte, Buche, Weisstanne und Esche. Die Fichte holt der Borkenkäfer, die Esche ein eingeschleppter Pilz, die anderen beiden leiden unter der Trockenheit. «Die sind alle auf dem absteigenden Ast», sagt Erni.
Vom aktivistischen Ruf nach dem klimaangepassten Wald hält er trotzdem wenig: «Wir haben nicht geschlafen. Wir reden schon 30 Jahre davon.» Rund 45 Baumarten wachsen heute im Revier, welche sich bewähren, zeigt erst die Zeit.
Dass es gelingen kann, beweisen die Nussbäume. Als Erni anfing, hiess es, die könne er vergessen, sie würden erfrieren. Revierförster August Erni: «Wir haben jetzt Nussbäume, die 35 Zentimeter dick sind und Früchte tragen.»