Sie war ein Star der Kunstszene

Einst berühmt und irgendwann in Vergessenheit geraten: Das Kunsthaus widmet sich der Künstlerin María Sol Escobar, bekannt unter dem Namen Marisol. Ihr Arbeiten zierten sogar die Titelseite des «Time Magazine».

Marisol zählte in den 1960er-Jahren zu den geheimnisvollsten Persönlichkeiten der New Yorker Kunstszene. Ihre oft lebensgrossen bemalten Holzskulpturen, die sie mit Alltagsgegenständen kombinierte, sorgten für Furore. Sie verband Elemente der Popkultur, des Dada und der Volkskunst mit Selbstporträts und schuf unverwechselbare, häufig satirische Ensembles. Andy Warhol, mit dem sie eng befreundet war und der sie in mehreren seiner Filme auftreten liess, nannte sie die «erste Künstlerin mit Glamour».

Das Kunsthaus Zürich widmet sich der US-amerikanischen Künstlerin venezolanischen Ursprungs María Sol Escobar (1930–2016), bekannt unter dem Namen Marisol. Die Ausstellung wird noch bis 23. August gezeigt, wie einer Mitteilung des Kunsthauses zu entnehmen ist.

Ihr Auftritt trug zur Faszination bei

«Marisols Biografie ist geprägt von Bewegung zwischen Kontinenten und Kulturen», heisst es in den Medienunterlagen. Geboren 1930 in Paris als Tochter wohlhabender venezolanischer Eltern, habe sie ihre Kindheit zwischen Europa, Vene­zuela und den Vereinigten Staaten verbracht. Früh habe sie einschneidende Brüche erlebt: «Mit elf Jahren verlor sie ihre Mutter durch Freitod. In der Folge sprach sie über ein Jahrzehnt lang nur das Nötigste», schreibt das Kunsthaus. Ihr zurückhaltendes, geheimnisvolles Auftreten habe später wesentlich zu ihrer Faszination innerhalb der New Yorker Szene beigetragen.

1949 begann Marisol ihr Studium an der École des Beaux-Arts in Paris, wechselte jedoch bald nach New York, wo sie unter anderem die Hans Hofmann School besuchte. Vieles eignete sie sich autodidaktisch an. 1957 zeigte Leo Castelli ihre erste Einzelausstellung in New York. Den Durchbruch erzielte sie mit Ausstellungen in der Stable Gallery 1962 und 1964. In der Galerie von Sidney Janis wurde sie neben Kunstschaffenden wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Andy Warhol, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle präsentiert.

Ihr Werk bewegt sich zwischen US-amerikanischer Pop Art und europäischem Nouveau Réalisme, ohne sich je eindeutig einer Strömung zuordnen zu lassen. Früh entwickelte sie eine eigenständige, unverkennbare Formensprache. Mehrfach zierten ihre Arbeiten die Titelseite des «Time Magazine» und anderer Zeitschriften.

«Auch in Europa erregte Marisol früh Aufmerksamkeit», so das Kunsthaus. 1967 habe die Gallery Hanover in London unter dem Titel «Figures of State» mehrere neue Arbeiten, darunter «The Royal Family», gezeigt. Zuvor hätte «The Daily Telegraph» sie eingeladen, ein plastisches Porträt der britischen Königsfamilie und des damaligen Premierministers Harold Wilson zu schaffen. Die daraus entstandenen ganzfigurigen Skulpturen würden  Leichtigkeit mit subtil bissigem Humor verbinden.

1968 vertrat Marisol Venezuela an der 34. Biennale von Venedig mit acht Ensembles, die sich unter anderem kritisch mit der Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft auseinandersetzen. Im selben Jahr war sie eine von nur vier Frauen unter 150 Kunstschaffenden an der documenta in Kassel. Ebenfalls 1968 zeigte das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam die erste – und bisher letzte – monografische Museumsausstellung der Künstlerin in Europa.

«Die weltweiten Proteste von 1968 und deren gewaltsame Niederschlagung führten dazu, dass sich Marisol vorübergehend aus dem Kunstbetrieb zurückzog», heisst es in der Mitteilung weiter. Sie sei durch Südasien gereist, habe sich intensiv mit östlicher Philosophie beschäftigt und beim Tauchen die Unterwasserwelt als neues Bildthema entdeckt. Dabei habe sie sich zunehmend mit ökologischen Fragestellungen auseinandergesetzt.

Ab den 1970er-Jahren mied sie das Rampenlicht, arbeitete jedoch kontinuierlich weiter. Neben Skulpturen entstanden Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien sowie Bühnenbilder und Kostüme für Tanzkompanien. Später realisierte sie auch Denkmäler für den öffentlichen Raum. Trotz ihrer anhaltenden Produktivität geriet sie zunehmend in Vergessenheit.

Rund 100 Werke sind zu sehen

Erst die Aufarbeitung ihres Nachlasses, den sie dem Buffalo AKG Art Museum vermachte, führte gemäss Kunsthaus in Nordamerika zu einer umfassenden Neubewertung. Von 2023 bis 2025 war dort eine viel beachtete monografische Wanderausstellung in Montreal, Toledo, Buffalo und Dallas zu sehen, initiiert und ­kuratiert von Cathleen Chaffee, Charles Balbach Chief Curator am Buffalo AKG Art Museum.

Im Anschluss an diese Präsentation realisierten das Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, das Kunsthaus Zürich, das Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, und das Museum der Moderne Salzburg gemeinsam die erste umfassende Retrospektive von Marisols Œuvre in Europa. Die Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Marisol Estate am Buffalo AKG Art Museum.

Die Überblicksschau im Kunsthaus versammelt rund 100 Werke: etwa 60 Skulpturen und Objekte, rund 40 Arbeiten auf Papier und Fotografien sowie ausgewählte Filme und Archivmaterialien.

Marisols radikale Kunst verhandelt zentrale Fragen des 20. und 21. Jahrhunderts: die Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft, das traditionelle Familienbild, soziale Ungleichheit, kapitalistische Strukturen, den Umgang mit politischer Macht und Celebrities. Mit Ironie und Präzision entlarvt sie gesellschaftliche Inszenierungen und entwirft zugleich vielschichtige Selbstbilder. Die Ausstellung bringt eine Künstlerin ins europäische Bewusstsein zurück, deren Werk heute aktueller erscheint denn je. (pd.)

Ausstellung bis 23. August: www.kunsthaus.ch