Ein Befreiungsschlag als Dosenöffner?
Mit einem spektakulären 4:3-Heimsieg gegen Lausanne nach einem 0:2-Rückstand beendete der EHC Kloten am Dienstag seine Negativserie von fünf Heimniederlagen in Folge. Captain Dario Meyer erklärt, was sich verändert hat und weshalb dieser Sieg zum Wendepunkt werden könnte.
In den Fan-Online-Foren war nach der Niederlagenserie der Stab über die Mannschaft von Michael Liniger längst gebrochen. Schon nach dem ersten Qualifikationsviertel wurde die Saison als «gelaufen» betrachtet. Zu wenig Emotionen, zu wenig Selbstvertrauen, zu wenig von allem. Auch die Teamstatistiken bestätigten dieses Bild in fast jeder Hinsicht.
Dann kam der Revanche-Abend gegen Lausanne. Drei Tage zuvor hatte Kloten auswärts zwei Shorthander im gleichen Powerplay kassiert und 2:5 verloren. Zudem debütierte am Dienstag mit Philipp Kurashev ein NHL-Rückkehrer, der von der halben Liga umworben worden war. Doch nicht etwa Kurashev, sondern Kloten sorgte mit einem starken Teameffort für ein Spektakel.
Ab dem Mitteldrittel war plötzlich vieles da, was zuvor vermisst worden war: Zweikampfstärke, Entschlossenheit und gegenseitiger Support. Dazu kamen Hartnäckigkeit, Können und Kaltblütigkeit im Abschluss. Ist nun der Damm gebrochen? «Wir müssen exzellent sein, um in dieser Situation zu Punkten zu kommen», hatte Klotens Trainer Michael Liniger noch wenige Tage zuvor konstatiert. Nach dem bitteren 0:5 gegen Ambri-Piotta hatte er gegenüber dem «Klotener Anzeiger» (Schwesterzeitung des Opfiker «Stadt-Anzeigers») klargemacht: «Mit der Brechstange geht es nicht auf diesem Niveau. Man muss am Game Plan festhalten. Wenn zu viele es erzwingen wollen, wird es schwierig. Wir verlieren die Geduld. Das ist schlecht. Wir müssen das umsetzen, was wir uns vor der Partie unabhängig eines Rückstandes vorgenommen haben.»
Das Verletzten-Lazarett umfasst nach wie vor bis zu neun Spieler. Umso wichtiger ist es für Kloten, den Rückenwind aus dem Spektakel-Sieg zu nutzen und die Kehrtwende einzuleiten. Zumindest das Schlusslicht der Tabelle hat der EHC bereits an die Rapperswil-Jona Lakers abgegeben. Diese sind am Samstag in Kloten zu Gast.
Dario Meyer, wie fühlt sich ein solcher Sieg nach dieser schwierigen Phase an?
Gut, nach dem ersten Drittel war schon wieder etwas los in der Garderobe. 0:2 hinten kannten wir ein wenig vom bisherigen Saisonverlauf. Aber was danach passierte mit den Emotionen und der Opferbereitschaft, wo wir etwas mitnehmen können: Das könnte nun ein Umkehrpunkt für uns sein.
Kloten blieb beim Aufholen stabil und liess keine Wende mehr zu. Was war dafür ausschlaggebend?
Definitiv. Die Tools dazu haben wir. Der Game Plan stimmt eigentlich auch immer. Dass man bereit ist, diesen umzusetzen, das fehlte halt ab und zu. Am Dienstag merkte man hingegen, dass wir Dampf machten. So werden wir halt belohnt, wenn wir so spielen.
Wie beurteilen Sie den offenen Brief von Verwaltungsratspräsident Jan Schibli an die Fans?
Auf der einen Seite ist es sehr schön, dass die Klubführung diese Verantwortung übernimmt. Auf der anderen Seite stehen wir auf dem Eis. Und die Situation ist von uns auszubaden beziehungsweise unter unserer Kontrolle. Spiele wie am Dienstag, wo die Emotionen ins Stadion zurückkehrten – das ist im Moment das, was es braucht. Das war nun ein Schritt in die richtige Richtung. Der Brief zeigt, dass es ein Miteinander ist, gerade auch in einer schwierigen Situation. Und darauf gilt es aufzubauen.
Letztlich geht es aber auch um das Leistungsprinzip. Man kann nicht immer nur verlieren, selbst wenn sich der Substanzverlust durch die lange Verletztenliste nicht wegdiskutieren lässt.
Definitiv. Es gibt sehr viele Spieler, die mehr Eiszeit erhalten haben.
Ihre Linie mit Livio Truog, der zum 1:2 verkürzte, und dem nach einer Verletzungspause zurückgekehrten Joel Henry, der den Gamewinner zum 4:2 erzielte, war am Dienstag eine neue Kreation. Wie gut hat das Zusammenspiel funktioniert?
Man merkte, dass meine zwei Linienpartner in den letzten Wochen nicht im Team spielten und deshalb so unbelastet auftraten. Die zogen mich dadurch auch richtiggehend mit. Wir konnten so richtig Dampf machen. Das war das, was es brauchte.
Auf diese Saison hin wurde unter anderem der Assistenztrainerstab ausgewechselt. Sportchef Ricardo Schödler begründete dies auch damit, dass die Coaches mit einer neuen Ansprache die Spieler inspirieren könnten. Weshalb funktionieren die Ansprachen von Michael Liniger weiterhin?
Die Umsetzung liegt an uns Spielern. Und die war in den letzten Wochen von uns zu wenig gut. Aber das haben wir besprochen. Gegen Ambri-Piotta hatten wir auch einen Game Plan. Aber wenn wir diesen nicht umsetzen, können wir lange darüber reden. Der Trainer steht nicht auf dem Eis. Den Trainerstab zu thematisieren, kann man vergessen. Wir waren auf jedes Spiel sehr gut eingestellt. Aber wenn die Verunsicherung im mentalen Bereich vorhanden ist und deshalb die Umsetzung nicht gelingt, müssen wir Spieler, die auf dem Eis stehen, uns an der Nase nehmen. Das fängt bei mir selbst an.
Den Trainerstab zu thematisieren kann man vergessen.
Nach dem Erfolg gegen Lausanne stehen Auswärtsspiele in Lugano und anschliessend Heimpartien gegen die Rapperswil-Jona Lakers und Ajoie an. Ist nun der Moment gekommen, um nachzulegen?
Es ist eigentlich egal, gegen wen wir spielen. Wir müssen unseren Game Plan umsetzen und dann können wir jeden schlagen. Das wissen wir auch. Wir haben gegen Lausanne zuletzt bewiesen, dass das Team lebt. Und dies ist extrem wichtig. Betreffend Game Plan: Gegen Lausanne war klar, dass sie schnell raufspielen. Deshalb mussten wir auf unserer Seite vom Mann stehen. Sonst ist man anfällig auf Konter gegen Lausanne. Am Dienstag haben wir es eben viel cleverer gespielt. Dadurch konnten wir den Gegner frustrieren. Für uns ergibt sich dann Raum, offensiv etwas zu kreieren. Die Geduld haben wir bewahrt. Und am Schluss kann dies eben aufgehen.
Ein wenig Glück war gegen Lausanne allerdings auch dabei, zumal der frühere, hochtalentierte Klotener Ewan Huet nicht im Tor stand.
Ja natürlich. Aber ich glaube, die Schüsse, die wir heute aufs Tor brachten, die waren mit Überzeugung und passten und hätten auch dann gepasst. Und am Dienstag trafen bei uns Spieler, denen ich es extrem gönnen mag (neben Truog und Henry trafen noch Simon Johansson sowie Topskorer Petteri Puhakka, der bereits sein 10. Saisontor erzielte – Red.).
Etwas mehr als ein Qualifikationsviertel ist gespielt. Wie fällt Ihre Bilanz für Kloten aus?
Es gab fast nie eine Situation, in der wir uns gehen liessen. Das ist extrem wichtig. Wir sind in der Garderobe hingestanden und waren ehrlich miteinander. Wir können teilweise noch ehrlicher sein, weil es einfach dazugehört. Mit den Coaches war der Austausch immer vorhanden. Und wir Spieler kamen immer mit einem Lächeln zum Training oder zum Spiel. Wir sind uns bewusst, dass wir das erste Qualifikationsviertel uns nicht schönreden können, das ist klar. Aber wichtig ist, wir müssen zusammenstehen, denn die Saison ist noch lang.
Wenn Sie das 0:5-Heimspiel gegen Ambri-Piotta mit einer Zeitmaschine nochmals spielen könnten: Was würden Sie anders machen?
Mehr mit dem Kopf und mit mehr Vertrauen in den Game Plan spielen. Es kam vor, dass alle angespannt waren. Man will es noch besser machen. Und genau dann machst du vielleicht den Schritt, den du nicht machen solltest, und läufst dann so wieder in einen Konter. Mit jedem Sieg nun wird diese Ruhe zurückkommen, die notwendig ist, dies möglichst zu vermeiden.
Das Mentalcoaching organisieren die Spieler weiterhin individuell. Fehlt Ihnen ein persönlicher Ansprechpartner, wie ihn Klotens ehemaliger Trainer und Berater Jeff Tomlinson bis zur letzten Saison bot? Er berät inzwischen den SC Bern.
Ich persönlich kann sagen, dass Jeff immer für ein persönliches Gespräch zur Verfügung stand. Aber jetzt haben wir dafür mit Liniger und Assistenztrainer Marcel Jenni zwei Schweizer im Trainerstab, die die gleiche Muttersprache haben. Ich hatte mit Liniger nach dem Spiel in Lausanne auch ein sehr gutes Gespräch. Und ich weiss, dass ich noch besser sein muss.
Auch die beiden Assistenztrainer Juhamatti Yli-Junnila und Marcel Jenni haben bereits Erfahrung als Headcoaches gesammelt. Wie helfen sie der Mannschaft durch diese schwierige Phase?
Auch sie richteten uns nach jeder Klatsche wieder richtiggehend auf, um uns für die nächste Aufgabe wieder ready zu machen.
Weshalb wird der Sieg gegen Lausanne diesmal nachhaltiger sein als jener vor knapp zwei Wochen in Davos?
Es wird kein Selbstläufer. Aber die Emotionen, die wir beim Sieg gegen Lausanne erlebten, was man auf der Spielerbank und im Stadion miterlebte, können sich nachhaltig auswirken. Das nehmen wir mit. Und nach dem 4:1-Sieg in Davos verloren wir zwar das nächste Spiel gegen Zug (1:3), hätten aber auch gewinnen können. Wir verpassten da aber das zweite Tor und wurden bestraft. Deshalb wäre dies ein Spiel, das ich rückblickend betrachtet auch gerne nochmals spielen würde.
Notizen
Vierter National-League-Debütant der Saison bei Kloten
Gian-Andrea Badrutt (19) ist der vierte Spieler, der in dieser Saison für Kloten sein National-League-Debüt gab. In den ersten 15 Spielen der U21-Elit hatte er mit sechs Toren und elf Assists geglänzt. Bei seinem Debüt gegen Ambri-Piotta erhielt er rund dreieinhalb Minuten Eiszeit. «Das ist hier ein ganz anderes Spiel als in der U21, viel physischer», stellte er fest. Die zwei Wochen vor seinem Debüt hatte Badrutt mit dem Fanionteam mittrainieren können. Von seinen Vorgängern unter den Klotener Liga-Debütanten – Laurin Rupli, Elia Liniger und Philip Moser – habe er den Rat erhalten, Spass zu haben und den Moment zu geniessen. Auf dem Eis bekam er zudem konkrete Tipps von Keanu Derungs. Und was sollte Kloten aus einer Off-Night wie beim 0:5 gegen Ambri lernen (oder aus dem noch früher in der Saison erlittenen 0:6 gegen Biel)? Badrutts Antwort: «Die Scheibe mehr vors Tor bringen, Checks fertig machen, ein Zeichen setzen beim Gegner. Noch härter vor dem gegnerischen Tor sein. Und wir dürfen nach Gegentoren nicht zu kopflos eine Gegenreaktion erzwingen wollen.»
Truog trifft erstmals in der National League
Livio Truog (22) bestritt gegen Lausanne sein erstes Spiel für Kloten. Und traf auf Anhieb. Der vom Partnerteam Thurgau geholte Stürmer verkürzte am Dienstag mit einem sehenswerten Treffer im Mitteldrittel auf 1:2. Es war Truogs erstes Tor in der National League, in seinem achten Spiel in der höchsten Spielklasse. In den beiden Vorsaisons war er viermal für die ZSC Lions und dreimal für Zug aufgelaufen.
Simic wird Lausannes Best Player
Der ehemalige Klotener Axel Simic prägte Lausannes Startdrittel: Er erzielte das 1:0 selbst und bereitete das 2:0 vor. Für seine Leistung wurde er als Best Player seines Teams ausgezeichnet. Nach der Partie sagte er zum «Klotener Anzeiger»: «Wir haben die Türe offen gelassen für Kloten. Wir konnten nicht mehr reagieren und Kloten machte die Tore zum richtigen Zeitpunkt. Aber Kloten war schon am Samstag bei uns gut. Es stand da lange nur 3:2 für uns.»
Nun gegen Lugano und dann zweimal daheim
Am Freitag tritt Kloten beim HC Lugano an. Gegen die Tessiner hatte das Team zum Saisonauftakt mit einem 5:2-Heimsieg geglänzt. Nach dem zweiten Spieltag war Kloten in einer Live-Timeline der Tabelle sogar für einige Minuten kurzzeitig Leader, ehe der zweite Saisonsieg der ZSC Lions feststand. Auf die Auswärtsreise nach Lugano folgen zwei Heimspiele: Am Samstag empfangen die Flughafenstädter die Rapperswil-Jona Lakers, am Dienstag Ajoie.
Delémont bleibt bis 2029
Verteidiger Noah Delémont (24) hat seinen Vertrag um zwei Jahre verlängert. Vor eineinhalb Jahren war er von seinem Ausbildungsverein Biel zu den Flughafenstädtern gestossen. Damit ist Delémont neben Simon Johansson und dem verletzten Nicholas Steiner erst der dritte Verteidiger aus Klotens National-League-Team, der zum jetzigen Zeitpunkt einen Vertrag für die kommende Saison besitzt. Johansson und Steiner sind beide bis 2028 gebunden.
Artikel zum Offenen Brief von Ian Schibli an die Fans.