Opfifon: ChatGPTs Fensterplatz in Geografie
In dieser Ausgabe wollte ich es wissen: Was kann künstliche Intelligenz, kurz KI, eigentlich? Denn ich war auf der Suche nach einem Vorschau-Ansatz fürs Food-Festival Ende September. Dafür kochen tut noch niemand (und wenn doch, wer will das in zweieinhalb Wochen noch essen?). Da kam ich auf die Idee, eine Weltkarte zu erstellen, auf der man auf einen Blick sieht, woher die dargebotenen Gerichte kommen.
Also habe ich schnell eine Tabelle der teilnehmenden Küchen erstellt, bei ChatGPT hochgeladen und folgende Anweisungen gegeben: «Erstelle mir bitte eine Weltkarte und zeichne alle Länder aus, die auf der hochgeladenen Liste stehen.» Nach 33 Sekunden «Nachdenken» über Dinge wie: «Kosovo separat markiert», «Sansibar als Teil von Tansania behandelt» und «Tibet nicht als eigenen Staat eingefärbt, da es geografisch eine Region Chinas ist» hatte ich eine erste Karte, geografisch und politisch so weit korrekt (die Tibeterinnen und Tibeter dürfen hier widersprechen).
Nun wurde ich ehrgeizig: «Kannst du die Länder auf der Liste auch auf der Karte beschriften? Falls nicht genug Platz für den Text vorhanden ist, arbeite mit Verbindungslinien», wies ich ChatGPT an. Schliesslich gab es in Geografie auch Fensterplätze.
Einen solchen scheint auch dieser Chatbot gehabt zu haben: «Grossbritannien» war nun plötzlich auf Nordirland geschrumpft und musste sich die Grüne Insel darüber hinaus mit «Deutschland» ganz im Süden teilen. Die «Schweiz» hatte Frankreich übernommen und die Franzosen bis in die Nordwestecke der Iberischen Halbinsel und die Spanier nach Portugal gedrängt, wenn man den Beschriftungen der künstlichen «Intelligenz» Glauben schenkte.
«Grossbritannien muss sich die Grüne Insel mit Deutschland teilen.»
Das eigentliche Gebiet der Schweiz hatte keine Farbe erhalten und sah wie auf den EU-Karten aus wie eine kleine Insel inmitten Europas. Dafür war Tibet nun eingefärbt und korrekt beschriftet. (China klopft an meine Tür.)
Ich wies ChatGPT auf seine Fehler hin und startete einen neuen Versuch. Die Schweiz war nun richtig beschriftet (obwohl ich das in der Fehleranalyse gar nicht erwähnt hatte), aber immer noch nicht eingefärbt. «Spanien» lag nun gemäss Beschriftung vor der Küste Portugals und hatte sich Teile dieses Nachbarn farblich einverleibt. «Frankreich» war «remigriert», genoss aber ein Bad im Golf von Biskaya, «Italien» konzentrierte sich auf Sardinien und hatte sich auch Korsika geschnappt.
Ein weiterer Versuch, via Textanweisung «Deutschland» von der Insel der Angelsachsen heimzuführen, schlug ebenso fehl wie jener, dass auch die Schweiz endlich Farbe bekennen würde. Immerhin hatten die Italiener ihren «Stiefel» wieder. Bei fünf weiteren Versuchen, das zu korrigieren, teilte mir ChatGPT Folgendes mit: «Ich konnte das Bild aufgrund eines Fehlers meinerseits nicht generieren.» Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.
Der langen Rede kurzer Sinn: Das ist der Grund, warum die Food-Festival-Vorschau-Weltkarte auf Seite 9 keine Beschriftungen trägt.
Wenn ich aber sehe, wie dumm sich eine künstliche Intelligenz bisweilen anstellen kann, braucht man sich als Mensch wenig Sorgen zu machen, bald komplett überflüssig zu sein. Sorgen bereitet mir hingegen, wie viele Menschen den weniger offensichtlichen Quatsch, den KI (und manchmal auch Menschen) verbreiten, auch glauben.