Zwischen Zärtlichkeit und Zerfall
Schon die Ausgangslage klingt vielversprechend und mysteriös: Das Buch von «Von jenen, die jagen» der Zürcher Autorin Islème Sassi spielt in einem fast entvölkerten Bergdorf. Es ist das ideale Leseerlebnis für die graue Jahreszeit.
Ein entvölkertes Bergdorf, dessen Stille eine Schwere hat; ein ungeklärter Todesfall; ein verschwundener Junge; ein Haus am See, in dem sich Staub über die Jahre schichtete: In dieses fragile Gefüge tritt Isabel, die Städterin, die eigentlich eine Auszeit sucht und stattdessen beginnt, das zu bewegen, was das Dorf lange unter den Teppich gekehrt hat. Islème Sassis Debütroman «Von jenen, die jagen» entfaltet eine Welt, die vertraut wirkt und doch fremd bleibt, als hätte sie sich leise und unbemerkt in eine andere Richtung gedreht.
Sassi schreibt in einer klaren, atmenden Sprache, die auch dann stabil bleibt, wenn die Realität zu flimmern beginnt. Mit kleinen Verschiebungen öffnet sie Räume, die man zu kennen glaubt, nur um im nächsten Moment festzustellen, dass sie anders gedeutet werden.
Ein Dorf steckt in Routinen fest
Im Dorf begegnet Isabel einer Gemeinschaft, deren Ordnung von wenigen verbliebenen Bewohnenden getragen wird. Mara führt den Dorfladen, Franziska steht hinter der Bar des «sterbenden Schwans» und macht gleich zu Beginn deutlich, dass sie keinesfalls «Franzi» genannt werden möchte, und Toni – Besitzer mehrerer Liegenschaften – vermietet ihr das Haus am See. Léanne, seine Tochter, lebt zwischen diesen Rhythmen, begleitet von der Abwesenheit ihres Bruders Leander – einem Verschwinden, das im Dorf weiterwirkt wie ein unterdrückter Pulsschlag, hörbar nur in Momenten der Stille, nie ganz verstummt.
Diese Routinen wirken sicher, doch gerade ihre Wiederholung zeigt, wie brüchig sie sind. Isabel bewegt sich zunächst vorsichtig darin, wird dann Teil dieses Gefüges – und bleibt doch leicht verschoben. Sie scheint nicht einzugreifen, und trotzdem bringt ihr Dasein etwas in Bewegung. Sassi zeigt das nicht durch grosse Gesten, sondern feine Reibungen, bei denen der Eindruck entsteht, als würde im Hintergrund leise etwas zu klirren beginnen.
Die Beziehung zwischen Isabel und Léanne entwickelt sich früh, getragen von alltäglichen Gesten, einem gemeinsamen Abendessen, dem Wein, der längst sein Datum überschritten hat, und einem zunehmenden Sichfinden in denselben Räumen. Trotz dieser zärtlichen Nähe bleiben viele Fragen unausgesprochen. «Du kennst mich gut», sagen sie, doch unter dieser Vertrautheit liegt ein Schatten, der sich nicht benennen lässt.
Sassi interessiert sich nicht für das Ausbuchstabieren psychologischer Motive, sondern für das Schweigen dazwischen: für das, was sich im Blick verlagert, im Ausweichen, im Ritual.
Schon fast unheimlich
Die Landschaft entfaltet auf den ersten Blick eine tröstliche Schönheit. Der See liegt ruhig, die Berge öffnen Weite, und die Wälder vermitteln ein Gefühl von Schutz. Doch je länger man bleibt, desto stärker wird spürbar, dass diese Schönheit auch eine Schicht von Unruhe trägt.
Sassi beschreibt diese Ambivalenz mit einer Feinheit, die den Ort gleichzeitig warm und unheimlich erscheinen lässt. Die Natur ist nicht nur Kulisse, sondern reagiert. Der Wald knackt wie eine Antwort, der Nebel bewegt sich wie eine Figur, und das Haus am See wird zu etwas, was wahrnimmt. In einem kurzen Dialog sagt Léanne: «Es spricht.» Auf Isabels Frage, was das Haus denn sage, erwidert sie: «Das musst du selbst herausfinden. Es hat für jeden eine eigene Botschaft.»
Dann gibt es die Abende, die langsam und unerbittlich heranrollen – Abende, denen man nicht entfliehen kann. In diesem Licht verändert sich das Dorf, und es tauchen Zeichen auf, leise und irritierend, ohne dass verraten wird, was genau sie bedeuten. Gerade dieses Offenlassen zieht die Lesenden weiter.
Das Dorf wirkt, als wäre es in einer eigenen Zeit gefangen. Moderne Details tauchen plötzlich auf – etwa wenn Isabel Spotify einschaltet –, und für einen Moment irritiert der Gedanke, dass die Gegenwart doch stärker in diese Welt hineinragt, als man erwartet hätte. So schichten sich Vergangenheit, Erinnerung und Gegenwart übereinander.
Isabel wird zu einer Figur, die zwischen diesen Zeiten steht. Sie verändert das Dorf, indem sie schlicht anwesend ist – wie jemand, der einen Raum betritt und Staub aufwirbelt, der lange unberührt lag.
Einkuscheln und durchlesen
«Von jenen, die jagen» trägt den Rhythmus der Jahreszeiten, besonders den Übergang in den Herbst und den Winter. Golden getupfte Blätter, Nebel über dem See und frühmorgendliche Wachmomente, in denen «Dämonen aus den Ecken heranflattern und Sorgen zufächeln», prägen den Ton. Es ist ein Roman, der sich rasch lesen lässt, aber Atmosphären hinterlässt, die bleiben – ideal für einen Abend unter einer Decke, mit Tee oder Weihnachtsgebäck, während draussen die Welt leiser wird.
Islème Sassi, 1984 geboren, ist klassische Philologin, habilitierte an der Universität Zürich und unterrichtet Latein und Geschichte. «Von jenen, die jagen» ist ihr erster Roman und zeigt eine Autorin, die mit Zeichen, Stille und feinen Unheimlichkeiten arbeitet, ohne sie klar aufzuklären.
Der Zeitkind Verlag, 2024 von Gabriela Merz gegründet, publiziert Schweizer und europäische Literatur mit gesellschaftspolitischem Fokus. «Lesen steigert Wissen und Genuss» prägt das Verlagsverständnis ebenso wie die Idee, dass Text und Bild zu Neuem kumulieren dürfen. Auch Sassis Roman fügt sich stimmig in dieses Programm ein und wird vielleicht in Zukunft auch mit einer Lesung das Zürcher Unterland besuchen.
Islème Sassi: Von jenen, die jagen2025, 192 Seiten, Zeitkind Verlag, Meilen.