Zwischen Papier und Pixel

Dennis Baumann

Verträumte Collagen aus Zeitungspapier treffen auf digitale Farbdiagramme: Auf den Gängen im Stadthaus Opfikon zeigen Yvonne Willi-Pfister und ihr Sohn Thomas Willi ihre Ausstellung «Farbrausch». 28 Bildpaare erzählen von analogen und digitalen Welten.

Links hängen die Collagen von Yvonne Willi-Pfister. Etwa pinke Blumen auf geometrischen Streifen oder orange Tupfer auf schwarzem Grund. Rechts daneben die digitalen Entsprechungen ihres Sohnes Thomas Willi: kreisförmige Farbdiagramme, die dieselben Farben der Collagen beinhalten. «Es ist total ähnlich und gleichzeitig total verschieden», sagt Thomas Willi über die Bildpaare: «Es ist ein Ambivalenzverhältnis.»

«Farbrausch», 28 Bildpaare der beiden Künstler aus dem Zürcher Oberland sind zurzeit auf den Gängen des Stadthauses Opfikon ausgestellt. Besucherinnen und Besucher können die Werke bei jedem Behördengang – oder auch einfach so, das Stadthaus ist offen – betrachten, ohne eine Galerie aufsuchen zu müssen. Am vergangenen Donnerstag waren die beiden Künstler bei einer Vernissage zu Gast, um ihre Werke zu präsentieren.

Schnipseln und komponieren

Yvonne Willi-Pfister ist pensioniert und begann vor einigen Jahren mit den Collagen. «Ich habe Freude an Papier», erzählt sie. Ihr Partner genoss es, wenn sie zusammen am Tisch sassen und sie Schnipsel aus Heften und Zeitungen ausschnitt, sammelte und zu einem neuen Ganzen komponierte.

«Manchmal geht das lang, manchmal wird alles wieder in den Papierkorb geworfen. Und manchmal bin ich zufrieden.» Dann fotografiert sie die fertigen Collagen. Nichts ist gemalt, alles besteht aus Altpapier.

Als die Collagen sich häuften, wollte Willi-Pfister sie nicht nur in Schubladen verstecken. «Wenn man viel gemacht hat, will man es zeigen», sagt sie. Sie stellte Fotobücher zusammen und schenkte ihrem Sohn zum Geburtstag eines mit ihren schönsten Arbeiten. Daraufhin kam er auf die Idee, ob sie nicht etwas gemeinsam machen wollten.

Extrahieren und drucken

«Die Farben sind das Erste, was für mich herausgestochen ist», sagt Thomas Willi, gelernter Statistiker, was ihn an den Collagen seiner Mutter reizte. Er entwickelte ein Programm, das die Farben aus den Collagen seiner Mutter extrahiert und in einem sogenannten «Strahlenkranz» anordnet.

«Im Moment, wo das Bild digital wird, sind es nur noch Daten», erklärt er. Jeder Kranz repräsentiert ein Farbmodell mit spezifischen Eigenschaften. «Ich weiss selbst nicht, wie die Bilder am Ende herauskommen. Ich schreibe einfach den Prozess und gebe den Rahmen vor.»

Das Ergebnis ist ein visueller Dialog. «Bilder, die alleine total langweilig sind», wie Thomas Willi sagt, «bekommen im Zusammenspiel erst ihre Spannung.» Durch die digitalen Strahlenkränze sieht man erst, welche Farbtöne sich überall verstecken.

Beziehung durch Kunst sichtbar

Die künstlerische Tradition reicht in der Familie weit zurück. Yvonne Willi-Pfisters Mutter malte und stellte über 60 Mal aus. «Von gemalt zu Collage zu digital», fasst Yvonne Willi-Pfister die Entwicklung in ihrer Familie zusammen.

Die Zusammenarbeit zwischen Mutter und Sohn wuchs organisch über die letzten fünf bis sechs Jahre. Thomas Willi experimentierte mit verschiedenen Druckverfahren, um herauszufinden, auf welche Art die Farben am kräftigsten wirken. Den Strahlenkranz wählte er bewusst: In den 1970er-Jahren versuchte man, Beziehungen zwischen Eltern und Kindern auf Kreisen mit verschiedenen Dimensionen darzustellen. «Ich fand, das ist eine gute Form.» Ohne die Collagen seiner Mutter gibt es seine Strahlenkränze nicht – eine direkte Analogie zum Verhältnis zu seiner Mutter. Yvonne Willi-Pfister fand im Stadthaus Opfikon ihre erste Gelegenheit, ihre Werke ausstellen zu können. Sie hatte drei Bilder eingeschickt, kam auf die Warteliste und wurde sogar anderen Künstlern vorgezogen, weil die Stadt gerne die Stilrichtungen wechselt.

Für sie sei es ein Höhepunkt in ihrem Pensioniertenleben. «Ich bin dankbar, dass ich gemeinsam mit meinem Sohn unsere Kunst präsentieren und öffentlich zugänglich machen darf», freut sie sich. Die Ausstellung «Farbrausch» ist bis zum 14. August 2026 im Stadthaus Opfikon zu sehen.