Zwischen Abenteuer, Abgrund und Aufbruch
Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Hanspeter Bäni gab Einblick in sein Berufsleben, das ihn in Krisengebiete und die tiefsten Winkel der menschlichen Seele geführt hat. Im Buch «Der Reporter» hält er fest, was hinter der Kamera blieb.
Hanspeter Bäni ist es gewohnt, anderen Menschen zuzuhören und ihre Geschichten zu erzählen. Am vergangenen Donnerstagabend im Provisorium der Stadtbibliothek Opfikon war es umgekehrt: Der 69-Jährige stand bei einer Lesung vor Publikum und erzählte für einmal seine Geschichte.
Der Dokumentarfilmer arbeitete jahrzehntelang für das Schweizer Fernsehen. Unter anderem bekannt ist er für seine Doku über einen Jugendanwalt, der für das Sondersetting des Straftäters Brian Keller alias «Carlos» zuständig war. Nun erzählt der Mann hinter der Linse in seinem Buch «Der Reporter» von seinem Berufsleben jenseits der Kamera – über die Momente, die nie Teil eines Films wurden.
Der Abend folgte einem lebendigen Rhythmus: Hanspeter Bäni erzählte frei, zeigte Ausschnitte aus seinen Reportagen und las vereinzelt direkt aus seinem Buch. Das Publikum hörte gebannt zu.
«Ich habe Blut geschwitzt»
Zwei Episoden illustrierten eindrücklich, was es bedeutet, als Journalist allein in der Welt unterwegs zu sein. In Nicaragua etwa wurde ihm die Kameraausrüstung beschlagnahmt. Der Verdacht: Spionage. «Ich habe Blut geschwitzt. Wenn sie mich mit 40 anderen Leuten in eine Zelle mit nur einer Toilette gesteckt hätten, hätte ich nicht mehr weitergewusst.» Gerettet hat ihn eine Frau, über die er früher eine Reportage gedreht hatte. Dank ihrem Beziehungsnetz wurde er vor dem Schlimmsten bewahrt.
Kaum weniger mulmig war ein Moment in Kenia in der Turkana-Wüste. Fast wäre er dort gestrandet. Unterwegs im Auto löste sich das Vorderrad. Der Reservereifen war defekt, die Wasserflasche fast leer. Erst nach Stunden des Wartens kam Hilfe.
Trotz Angst in solchen Momenten bewahrte Bäni einen kühlen Kopf. Dass ihm aber nie wirklich etwas Schlimmeres passiert ist, habe er auch immer einer Prise Glück zu verdanken gehabt. «Auf Glück sollte man sich eigentlich nicht verlassen, aber bei mir lief es oft darauf hinaus», sagte er.
Ironisch: Die entlegensten Orte und Krisengebiete haben ihm nie etwas anhaben können. Doch vor sieben Wochen, erzählte er, stürzte er wenige Kilometer vor seiner eigenen Haustür mit dem Fahrrad und brach sich die Hüfte. Seither trägt er ein künstliches Hüftgelenk.
Nah dran, aber stets im Hintergrund
Die körperlichen Gefahren waren das eine. Was Bäni tiefer berührt hat, waren die Schicksale der Menschen, die er begleitete. In der Elfenbeinküste erlebte er etwa, wie Kinder an Unterernährung und Krankheit starben. In solchen Momenten sei die Kamera kein Schutzfilter mehr. «Dann weint man hinter der Kamera.»
Und doch gelang es Bäni in den meisten Fällen, sich eine innere Grenze zu ziehen. Den entscheidenden Moment erlebte er beim Porträtieren einer Lottomillionärin. Auf der Heimfahrt nach dem Dreh merkte er, dass er sich noch immer für sie freute. «Ich fragte mich, wieso. Sie hatte ja die Millionen gewonnen, nicht ich.» Dieses kleine Aha-Erlebnis half ihm seitdem, seinen Protagonisten nah und ihnen gegenüber empathisch zu sein, ohne mit ihnen zu verschmelzen. «Sonst kann man nicht mehr neutral berichten», so Bäni.
Zu dieser Haltung gehörte für ihn auch Transparenz. Seine Protagonisten durften den fertigen Film stets vor der Ausstrahlung sehen. «Man will eine spannende und authentische Story, will aber auch nicht unnötig zuspitzen.»
Als der Orkan wehte
Dass selbst diese sorgfältige Arbeits-weise nicht vor unbeabsichtigten Folgen schützt, machte Bäni mit selbstkritischem Blick auf den Fall «Carlos» deutlich – eine Doku, über die er rückblickend unzufrieden ist. Im Nachhinein hätte es zwei separate Filme gebraucht: einen über den Jugendanwalt und einen über den Fall selbst, eingebettet in gesellschaftliche Vergleiche. Hätte er aufgezeigt, dass ähnliche Therapieformen damals noch teurer waren, wäre die Debatte vielleicht eine sachlichere gewesen.
Stattdessen nahm der Fall eine Eigendynamik an, die niemand voraussehen konnte. «Ich habe mit Gegenwind gerechnet. Doch es kam ein Orkan.» Dass Tausende Artikel und eine jahrelange Welle der Empörung nachhallen würden, war jenseits seiner Vorstellung. Ein zweiter Film, den er nachschob, konnte zu diesem Zeitpunkt die Wogen kaum mehr glätten.
Lektionen fürs Leben sammeln
«Das Filmschaffen ist die Eintrittskarte in die verschiedenen Vorstellungen vom Leben. Man hat immer eine Ausrede, mit Menschen in Kontakt zu kommen, mit denen man sonst nie Kontakt hätte», erklärt Bäni, wieso er trotz heikler Situationen nie ans Aufhören dachte. Pure Neugier fürs Leben trieb ihn an. Für Bäni war der Dokumentarfilm immer eine Art, die Welt in ihrer ganzen Vielfalt auszukosten. «Das Leben ist ein Wunder, und es gibt immer etwas Neues zu entdecken.»
Was er dabei für sich als Mensch mitgenommen hat, formulierte er nachdenklich: viel von den Fehlern anderer lernen können. Menschen, die krass handelten und zum Scheitern verurteilt schienen. Er habe dabei gelernt, welche Wege er selbst nicht gehen wollte. Genauso prägend seien Begegnungen mit erfolgreichen und bekannten Menschen gewesen.
Die Kamera hat er jedenfalls nicht weggelegt. Im Gegenteil: Nach seiner Pensionierung gründete er eine eigene Filmproduktionsfirma, unterrichtet in Teilzeit an einer Filmschule und arbeitet an einem weiteren Buchprojekt, über dessen Inhalt er noch nichts verraten möchte. Dazu malt er auch noch. Hauptsache, er kann weiterhin schöpferisch tätig sein und sich weiterentwickeln. «Ich möchte im Leben reifen. In zehn Jahren hoffe ich, noch ein Stück weiser zu sein als heute.»