Wie gut schwimmen Zürcher Kinder?

Tobias Stepinski

Weniger Kontakt mit dem Wasser, viele Todesfälle durch Ertrinken, zu wenig ausgebildete Schwimmlehrer: Angeblich schwimmen Kinder heute schlechter als früher. Schwimmverband und Schulen im Glattal widersprechen. Doch wie sicher Kinder im Wasser sind, dazu hat das Volksschulamt keine Zahlen.

Der erste Sprung ins tiefe Becken, das erste Mal ohne Flügeli: Schwimmen lernen gehört hierzulande zum Aufwachsen dazu – und kann Leben retten. Denn Ertrinken bleibt gefährlich: Rund 50 Menschen sterben in der Schweiz jährlich im Wasser, wie der Wasser-Sicherheits-Report 2026 festhält. Bei Kindern ist Ertrinken gar die zweithäufigste Unfall-Todesursache.

Umso wichtiger wäre, dass sie früh schwimmen lernen. Doch eine Behauptung hält sich hartnäckig: Der Nachwuchs schwimme heute schlechter als früher.

Der frühe Wasserkontakt fehlt

«Dies kann gemäss unserer Schwimmlehrperson nicht bestätigt werden», sagt Matthias Kipfer, Leiter der Abteilung Bildung in Wallisellen, zur Behauptung, Kinder schwämmen heute schlechter. Die Gemeinde nehme die Wassersicherheit ernst: Auf Kindergartenstufe gibt es einen Wassergewöhnungsmorgen, in der 1. und 2. Klasse je eine Lektion pro Woche, dazu eine weitere in der 4. Klasse. Über die ganze obligatorische Zeit kommen so drei Jahre Schwimmunterricht zusammen. Wer danach nicht sicher 50 Meter am Stück schwimmen kann, erhält laut Kipfer «von der Gemeinde finanzierten freiwilligen Zusatzschwimmunterricht ausserhalb des obligatorischen Unterrichts».

Etwas anders klingt es in Kloten. «Viele Kinder bringen im Gegensatz zu früher wenig bis keinen vorschulischen Kontakt mit dem Wasser mit», teilt Andreas Tinner, Bereichsleiter Bildung und Kind der Stadt Kloten, mit. Die Angewöhnung dauere länger, was die Übungszeit fürs eigentliche Schwimmen verkürze. Um gegenzusteuern, bietet Kloten seit Jahren freiwillige Schwimmkurse für Vorschule und Kindergarten an. Die Wassergewöhnung wie in Wallisellen gibt es in Kloten derweil nicht mehr: Weil die Zahl der Klassen stetig gestiegen ist, musste sie im Kindergarten aus Platzgründen gestrichen werden.

Die Schulverwaltung Opfikon sieht zwar Hinweise, dass die Schwimmkompetenz von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz unter Druck gerät. «Eine pauschale Aussage, wonach Kinder heute generell schlechter schwimmen als vor zehn oder zwanzig Jahren, lässt sich allerdings nicht eindeutig belegen», sagt Stefan Hug, Leiter Zentrale Dienste. Über diesen Zeitraum lägen keine flächendeckend vergleichbaren Daten zur Schwimmfähigkeit vor, so Hug.

Drittel der Gemeinden prüfen nicht

Belege gäbe es durchaus. Ob ein Kind wassersicher ist, lässt sich messen – mit dem Wasser-Sicherheits-Check (WSC). Er prüft, ob sich ein Kind nach einem Sturz ins Wasser selbst ans Ufer retten kann, und ist im Lehrplan 21 verankert. Empfohlen wird er für Kinder zwischen 10 und 12 Jahren. Doch eine schweizweite Erhebung der SLRG von 2024 zeigt: Nur 66 Prozent der Schulen setzen ihn ein. Ein Drittel verzichtet also auf das zentrale Sicherheitsinstrument. Wie oft er zum Einsatz kommt, hängt zudem stark von der Region ab: Es bestehen «je nach Sprach- oder Grossregion wesentliche Unterschiede», heisst es im Bericht.

In Kloten, Wallisellen und Opfikon gehört der Check zum Programm. In Wallisellen bestanden ihn im letzten Jahr 96 Prozent der Kinder, in Opfikon 80 bis 90 Prozent, in Kloten sind es laut der Schulverwaltung rund 80 Prozent.

Die Schulverwaltung Opfikon betont jedoch, dass nicht der Vergleich mit anderen Gemeinden im Vordergrund stehe. «Der WSC dient vielmehr dazu, frühzeitig zu erkennen, bei welchen Kindern noch Defizite in der Wassersicherheit bestehen und wo weitere Förderung notwendig ist», sagt Stefan Hug. Ein Nichtbestehen sei kein abschliessendes Resultat, sondern ein Hinweis auf weiteren Förderbedarf. Über freiwillige Schulsportkurse könnten die Kinder auch nach der Unterstufe an ihren Kompetenzen arbeiten und den Check später wiederholen.

Schere zwischen Kindern geht auf

Nicht nur in den Glattaler Städten, auch beim Ausbildungsverband Swimsports sieht man keinen generellen Abwärtstrend. Die Organisation prägt und koordiniert das Schwimmenlernen und den Schwimmsport in der Schweiz. «Unsere Schwimmlehrer können die Aussage, dass Kinder heute generell schlechter schwimmen als vor zehn oder zwanzig Jahren, nicht bestätigen», schreibt Geschäftsführer Björn Blaser, der dafür Rückmeldungen bei seinen Lehrkräften eingeholt hat. Die Beobachtungen seien je nach Region und Schule zu unterschiedlich: «Eine pauschale Aussage wäre aus unserer Sicht nicht zutreffend.»

Einen Einbruch habe es aber gegeben. «Fakt ist, dass während der Corona-Zeit privater Schwimmunterricht aufgrund der Restriktionen kaum stattgefunden hat», so Blaser. Was Lehrpersonen tatsächlich zu schaffen macht, ist weniger ein genereller Abwärtstrend als die wachsende Ungleichheit im Klassenzimmer. In der SLRG-Erhebung nennen 48 Prozent der Lehrpersonen das ungleiche Schwimmniveau und die Heterogenität der Klasse als grösste Herausforderung – also den Umstand, dass die einen längst sicher schwimmen, während andere kaum je ein Becken von innen gesehen haben.

Beim Personal sieht Blaser den Kanton Zürich im Vorteil: «Das Level der Schwimmlehrer ist im Kanton Zürich sehr hoch.» In anderen Kantonen genüge teils schon ein Rettungsbrevet, um Schwimmunterricht zu erteilen. Kritisch werde es laut Blaser dort, wo Gemeinden mangels Wasserflächen kein Angebot mehr stellen könnten – dann sprängen Privatpersonen ein, aber nur für jene Kinder, deren Eltern es sich leisten könnten.

Der Kanton hat keine Zahlen

Die SLRG hält wiederum in ihrer Erhebung von 2024 fest, dass aus 14 Kantonen zu wenige Rückmeldungen kamen – ein landesweit vollständiges Bild liefert selbst die grösste Erhebung nicht. Was sie dennoch zeigt: 13 Prozent der 13- bis 15-Jährigen haben laut ihren Eltern während der ganzen Schulzeit nie Schwimmunterricht erhalten. Rund jedes siebte Kind lernt das Schwimmen also nie in der Schule. «Es scheint, dass es eine doch substanzielle Anzahl Schülerinnen und Schüler gibt, welche in ihrer Schulzeit nie Schwimm- und Wassersicherheitsunterricht erhalten», schreibt die SLRG – ein Wert, der die Fachleute überraschte.

Auch der Kanton Zürich führt die Zahlen nicht zusammen. «Das Volksschulamt kann keine Aussage zur Wassersicherheit machen, da keine entsprechenden Daten vorliegen», teilt Myriam Ziegler, Chefin des Zürcher Volksschulamts, mit. Zwar überprüfe der Bund mit der «Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen» regelmässig, ob Schülerinnen und Schüler die Lernziele erreichen – allerdings vor allem in Fächern wie Sprachen und Mathematik. Einzelne Lernziele wie jenes im Modul «Bewegen im Wasser» messe der Kanton nicht.

Somit bleibt unklar, ob Kinder heute wirklich schlechter schwimmen als früher. Belegen lässt es sich nicht.