Wie Grafik den Alltag prägt
Visuelle Kommunikation begleitet uns überall: auf Verpackungen, Plakaten, Strassenschildern oder Inseraten. Im Landesmuseum wird sichtbar, dass Gestaltung weit mehr als Dekoration ist.
Das Landesmuseum Zürich zeigt bis 4. April 2027 die Ausstellung «Grafik – Visuelle Gestaltung im Alltag». Der erste Teil der Schau richtet den Blick auf die Wirkung von Gestaltung. Farben, Bilder und Schriften werden häufig schneller erfasst als Sprache. «Werbung nutzt diese Kraft gezielt: Sie inszeniert zum Beispiel Produkte als begehrenswert und transportiert dabei Werte, Rollenbilder oder Vorstellungen davon, welche Körper als ideal gelten», schreibt das Landesmuseum. Historische Plakate und Inserate würden zeigen, wie Frauen lange als fürsorgliche Hausfrauen, blosse Dekoration inszeniert worden seien, während Männer häufiger als kompetent, aktiv oder dominant erschienen seien. Solche Bilder würden über Jahrzehnte hinweg prägen, was als «normal» gelte.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Gesundheit, Konsum und «Swissness». Werbung für Tabak, Alkohol oder stark verarbeitete Lebensmittel habe lange Genuss, Freiheit oder Überfluss in den Vordergrund gestellt, während Risiken ausgeblendet worden seien, so das Landesmuseum. Auch nationale Identität werde grafisch erzeugt: «Schweizerkreuz, Berge, Armbrust, Wilhelm Tell oder vertraute Markenauftritte übersetzen Werte wie Qualität, Präzision und Verlässlichkeit in einprägsame Bilder», heisst es im Communiqué.
Zugleich thematisiert die Schau kritisch den Blick auf «das Andere»: Exotisierende und rassistische Darstellungen zeigen, wie in visueller Gestaltung Machtverhältnisse, Stereotype und westliche Perspektiven reproduziert werden können.
Der zweite Teil führt gemäss Landesmuseum in den Entstehungsprozess grafischer Gestaltung ein. Hier wird deutlich, wie viel Beobachtung, Handwerk und Systematik hinter scheinbar einfachen visuellen Lösungen stehen.
«Plakatentwürfe von Paul Brühwiler, Theo Ballmer oder Donald Brun zeigen die Suche nach dem passenden Motiv, nach Komposition, Technik und Ausdruck. Bei Brühwilers Filmplakat für das Filmpodium Zürich etwa dient ein Holzschnitt als Grundlage für den Siebdruck, als welcher das fertige Plakat umgesetzt wurde», schreibt das Museum. Auch Ruedi Küllings Olma-Entwürfe oder Siegfried Odermatts Plakatentwurf «Design aus den Niederlanden» würden zeigen, wie Formen, Farben, Papier, Schrift und Druckverfahren schrittweise zu einem prägnanten visuellen Auftritt verdichtet worden seien.
Die Ausstellung «Grafik – Visuelle Gestaltung im Alltag» macht damit erfahrbar, dass Grafik nicht am Rand des Alltags steht, sondern ihn wesentlich mitgestaltet. Sie beeinflusst, was wir sehen, kaufen, erinnern und glauben. (pd.)
Ausstellung bis 4. April 2027: www.landesmuseum.ch/grafik