Wenn der Ball das Zittern vergessen lässt

Dennis Baumann

Am ersten Glattbrugger «PingPongParkinson Open» treten 26 Spielerinnen und Spieler gegeneinander an – alle leben mit Parkinson. Warum ausgerechnet Tischtennis gegen die Krankheit hilft und was das Turnier für die Betroffenen bedeutet.

Der Ball fliegt über das Netz, wird retourniert, fliegt zurück. Schnelle Schritte, kurze Armbewegungen, konzentrierte Blicke. In der «PingPongLounge24» nahe am Bahnhof Glattbrugg, riecht es nach Turnhalle und Wettkampf.

26 Spielerinnen und Spieler aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich stehen an den Tischen. Man hört das typische Klacken der Bälle, dazwischen Anfeuerungsrufe. Wer zuschaut, sieht packende Spiele. Was man nicht sofort sieht: Alle hier leben mit Parkinson.

Krankheit mit vielen Gesichtern

Parkinson ist eine neurodegenerative Krankheit, bei der das Gehirn immer weniger Dopamin produziert. Die meisten kennen das Zittern als Hauptsymptom. Doch die Krankheit hat viele Gesichter. «Es gibt bis zu 30 verschiedene Symptome. Das drückt sich bei jeder Person anders aus», sagt Andreas Michel, 54, der das Turnier organisiert und selber mitspielt.

Bei ihm begann es vor viereinhalb Jahren mit einem Zittern in der linken Hand. Dann konnte er nicht mehr richtig an der Tastatur arbeiten. Beim Laufen hing der linke Arm nur noch herunter, das Gesicht schlief ein. Verlangsamung, Steifwerden, Freezing – Momente, in denen sich der Körper gar nicht mehr bewegt – gehören ebenso zum Krankheitsbild wie Verdauungs- und Schlafprobleme oder Auswirkungen auf das Gemüt.

Was die Krankheit im Alltag bedeutet, beschreibt Michel nüchtern: «Ich muss alle zweieinhalb Stunden Medikamente nehmen. Gut eineinhalb Stunden hat man dann Zeit, in denen die Symptome am schwächsten sind.» Sein ganzer Tagesablauf richtet sich danach. Was man wann macht, will vorher geplant sein. Spontaneität wird zum Luxus.

Warum ausgerechnet Tischtennis?

Es klingt zunächst paradox: eine Krankheit, die den Körper verlangsamt, und ein Sport, der Schnelligkeit verlangt. «Viele denken, dass der langsame Parkinson und das schnelle Tischtennis nicht zusammenpassen. Aber das ist ein Trugschluss», sagt Michel. «Während man spielt, hat man keine Zeit zum Überlegen. Die Bewegungen müssen intuitiv kommen.»

Das überträgt sich auf den Alltag. Nach dem Spielen sei er agiler, könne sich geschmeidiger bewegen. Dieser Effekt hält ein bis zwei Stunden an. Wissenschaftlich ist erwiesen, dass Tischtennis den Verlauf von Parkinson hinauszögern kann. Die Koordination, die Reaktion, die Beweglichkeit werden gefördert.

Auch Teilnehmer Marco Solanki spürt die positiven Effekte vom Tischtennis. Er erhielt seine Diagnose vor zwei Jahren. Bei ihm zeigt sich Parkinson vor allem durch verlangsamte Bewegungen, besonders beim Laufen.

Solanki kam über einen Reha-Aufenthalt zum Parkinson-Tischtennis. Schon als Zwölfjähriger hatte er gespielt, dann jahrelang pausiert. Bei einer Selbsthilfegruppe lernte er Michel kennen und erfuhr vom Verein. Für ihn hat das Spielen mehrere Ebenen: «Die gesundheitliche, die solidarische und freundschaftliche, aber teilweise auch das Kompetitive. Das ist eine schöne Kombination.»

Vergessen, dass man krank ist

Was beide am Tischtennis am meisten schätzen, geht über das Sportliche hinaus. «Ich vergesse, dass ich krank bin. Das ist sehr befreiend», sagt Andreas Michel. Hier sei er von Leuten umgeben mit derselben Krankheit.

Man müsse sich nicht mehr verstecken, gesellschaftliche Stigmata fielen weg. «Ich fühle mich dann normal.» Und die grösste Herausforderung beim Spielen? Michel lacht: «Den Ball vom Boden aufheben.»

Auch Solanki freut sich auf den Plausch und darauf, von Gleichgesinnten umgeben zu sein. Aber der Ehrgeiz ist auch da: «Ich möchte gute Leistungen erbringen und mit mir selbst zufrieden sein.»

«PingPongParkinson Schweiz» ist die Schweizer Vertretung des internationalen Vereins «PingPongParkinson». Gegründet 2024, befindet sich der Verein im Aufbau mit verschiedenen Standorten in der ganzen Schweiz, einer davon in Opfikon. «Wir schaffen Trainingsangebote für Betroffene und organisieren Turniere», sagt Vereinspräsident Eugen Merz. Der Verein arbeitet mit lokalen Tischtennis-Vereinen zusammen, die ihre Infrastruktur zur Verfügung stellen.

Alle sind Gewinner

Das erste «Glattbrugg PingPongParkinson Open» wird im Schweizer System ausgetragen: Gewinner treffen auf Gewinner, Verlierer auf Verlierer. So kann jeder fünf bis sechs Spiele bestreiten. Gespielt wird auf drei Gewinnsätze, ein Spiel dauert zwischen zehn und zwanzig Minuten.

Die Regeln entsprechen dem üblichen Tischtennis, mit kleinen Anpassungen: Wer den Ball nicht in die Luft werfen kann, darf direkt aus der Hand spielen. Wer sturzgefährdet ist, darf sich am Tisch abstützen.

Die drei Bestplatzierten erhalten eine Medaille. Ein besonderes Highlight: die Auszeichnung der «PingPongPowerfrau» für die bestklassierte Spielerin. 8 der 26 Teilnehmenden sind Frauen, die Altersspanne reicht bis 80 Jahre.

Doch am Ende, sagt Michel, sei das Resultat nicht wichtig. «Wichtig ist, dabei zu sein. Hier sind alle Gewinner. Leute, die gegen die Krankheit nicht aufgegeben haben.»

 

Nicht nur ein Spiel unter Gleichgesinnten, sondern unter Betroffenen: Beides hilft, mit der Krankheit Parkinson zu leben. Bilder Dennis Baumann

Marco Solanki hat das Tischtennisspiel aus seiner Kindheit wiederentdeckt – als Therapie.

Andreas Michel hat festgestellt, dass er sich nach dem Spielen besser bewegen kann.