«Vielleicht rette ich ein Leben»

Tobias Stepinski

Ein Piepen wie an einer Slotmaschine, 450 Milliliter rotes Gold im Beutel: An einem heissen Junitag wagt der 19-jährige Tobias Karlsson seine erste Blutspende – genau jener Nachwuchs, der derzeit dringend gesucht wird. Doch was passiert mit seinem Blut, nachdem der Beutel voll ist?

Ein heisser Sommertag, wie viele in diesem Juni. Die Blutspende-Aktion in Wallisellen läuft seit einer knappen halben Stunde, und trotz der Hitze ist das reformierte Kirchgemeindehaus gut besucht – es wird fleissig Blut gespendet. Da kommt der 19-jährige Tobias Karlsson herein. «Ich bin zum ersten Mal da», sagt er einem Mitglied der Samariter Wallisellen am Empfang. Dieser drückt ihm ein Formular in die Hand. Name und Wohnort sind dabei die Nebensächlichkeiten – wichtiger sind die Fragen, die über die Spendetauglichkeit entscheiden: ob man Medikamente nimmt und welche, ob man in den letzten Tagen krank war, und einige mehr.

Karlsson wirkt entspannt, kein Hauch von Nervosität. Was hat ihn hierhergeführt? Oft ist es der Weg über die eigene Umgebung, der Menschen zum ersten Mal an einen Spendetag bringt – man hört von Familie oder Freunden, dass sie spenden gehen, und macht es ihnen irgendwann nach. So war es auch bei Karlsson. «Mein Bruder und mein Vater gehen seit Jahren zusammen immer wieder spenden», erzählt er. «Sie beide haben mich motiviert, jetzt auch spenden zu gehen.» Spenderinnen und Spender wie sie sind rar: Nur rund 2,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung gehen regelmässig Blut spenden – dabei werden landesweit jeden Tag rund 700 Spenden gebraucht.

Schritt für Schritt zur Spende

Mit dem ausgefüllten Formular geht es weiter zur Blutdruckmessung. Christian Mattes, Präsident der Samariter Wallisellen, wirft einen Blick auf die Werte: «O, du hast aktuell ein bisschen einen hohen Blutdruck. Doch das ist normal beim ersten Mal – und dann gleich mit der Zeitung unterwegs.» Bei der zweiten Messung ist der Wert schon etwas tiefer. Dreimal pro Jahr organisieren die Samariter Wallisellen den Spendetag. Der Verein verantwortet dabei die gesamte Organisation – von der Werbung über die Vorbereitung der Räumlichkeiten und die Blutdruckmessungen bis zur Betreuung der Spendenden und zur Koordination der Helferinnen und Helfer. Der medizinische Teil liegt beim Blutspendedienst Zürich.

 

«Ich werde bestimmt ­wiederkommen. Es war gar nicht schlimm – und ich kann etwas Gutes tun. Vielleicht rette ich sogar ein Leben.»

Tobias Karlsson, Neuspender

 

Als Nächstes folgt die Hämoglobinmessung. Dafür genügt ein kleiner Piks in die Fingerkuppe. Gemessen wird der Hämoglobinwert – also der rote Blutfarbstoff, der in den roten Blutkörperchen den Sauerstoff durch den Körper transportiert. Er gibt Auskunft darüber, ob jemand genügend Eisen und rote Blutzellen hat, um eine Spende gut zu verkraften. Frauen müssen zwischen 125 und 165 liegen, Männer zwischen 135 und 185, damit sie spenden dürfen. Bei Karlsson liegt der Wert mit 157 gut im Bereich.

Dann geht es zur Ärztin. Sie schaut sich das Formular an und stellt noch ein paar Fragen zum aktuellen Wohlbefinden. Bei Karlsson dauert das Gespräch nur kurz. Alles in Ordnung.

Auf der Liege

«So, jetzt geht’s los!», sagt der Walliseller. Jetzt ist seine Nervosität doch zu spüren. Eine weitere Samariterin begleitet ihn zu einer der vielen roten Liegen. Aus der Armbeuge führt bald ein dünner, durchsichtiger Schlauch – zuerst in einige kleine Röhrchen, mit denen das Blut später im Labor geprüft wird, dann in einen Beutel, der langsam dunkler und voller wird. Daneben rüstet eine Samariterin in weissem Kittel bereits das nächste Set Material zurecht. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Dann ein helles, schnelles Piepsen – fast wie der Jackpot an einer Slotmaschine im Casino. Doch hier geht es um etwas Wichtigeres: Der Ton macht darauf aufmerksam, dass der Beutel voll ist. 450 Milliliter werden entnommen, die Leben retten können. Der Körper verkraftet das gut: Eine erwachsene Person hat vier bis sechs Liter Blut, der Flüssigkeitsverlust ist innert 24 Stunden ausgeglichen.

Vom Beutel ins Spital

Was danach mit Karlssons Spende geschieht, ist aufwendiger, als man denkt. Die Vollblutspende wird ins Dienstleistungszentrum des Blutspendedienstes Zürich transportiert und dort in bis zu drei Komponenten aufgeteilt – rote Blutkörperchen, Blutplättchen oder Plasma. So erhält jede Patientin und jeder Patient im Spital genau das, was gebraucht wird. Lange lagern lässt sich das wertvolle Gut nicht: Rote Blutkörperchen sind bis zu 42 Tage haltbar, Blutplättchen nur 7, gefrorenes Plasma bis zu 2 Jahre.

Parallel dazu wird jede Spende auf Infektionen untersucht und die Blutgruppe bestimmt. Auffällige Befunde seien äusserst selten, sagt Jennifer Wendler, Oberärztin Medizinischer Dienst beim Blutspendedienst Zürich: «Sollte dennoch ein relevantes Testergebnis vorliegen, nehmen wir umgehend Kontakt mit der betroffenen Person auf, informieren sie umfassend und sprechen eine Empfehlung für das weitere Vorgehen beim Hausarzt aus.» Ein eigentlicher Überschuss entstehe kaum: Rund 98 Prozent der roten Blutkörperchen werden direkt an die Spitäler ausgeliefert und transfundiert. «Unsere Logistik ist strikt darauf ausgerichtet, diese Verfallsrate so nahe an null wie möglich zu halten», sagt die Oberärztin.

Der Bedarf ist hoch

Wie dringend Blut derzeit gebraucht wird, macht der Blutspendedienst deutlich: Der Bedarf an Blutprodukten in den Spitälern im Raum Zürich ist aktuell stark gestiegen. Besonders gefragt sind Spenderinnen und Spender der Blutgruppen 0+, 0–, A– und B–. Eingesetzt wird das Blut bei Unfällen, Operationen, Geburten oder Krebsbehandlungen. Neben diesen acht bekannten Blutgruppen gibt es zudem eine, die so selten ist, dass sie weltweit nur eine Handvoll Menschen besitzt (siehe blaue Box).

An diesem Tag kamen 107 Spendende ins reformierte Kirchgemeindehaus Wallisellen. 96 konnten tatsächlich spenden, 11 mussten abgewiesen werden – wegen zu tiefer Werte, gesundheitlicher Gründe oder anderer Vorgaben. 8 waren wie Karlsson zum ersten Mal dabei. Solche Erstspenderinnen und Erstspender seien für die langfristige Sicherstellung der Blutversorgung von grosser Bedeutung, betont Mattes. Damit diese auch in Zukunft gewährleistet werden könne, sei der Verein auf neue Spenderinnen und Spender angewiesen.

«Sie sollen einfach kommen»

Zum Schluss zeigt sich Karlsson überzeugt. Was er jenen sagen würde, die noch zögern oder Angst haben? Er überlegt nicht lange: «Sie sollen einfach kommen. Ich denke, es ist kein Problem, dies mal durchzumachen.» Das Schwierigste sei der erste Schritt – wer es einmal erlebt habe, merke schnell, dass es gar nicht so schlimm sei.

Auch Mattes wirbt für mehr Mut: Blut lasse sich nicht künstlich herstellen, deshalb sei jede Spende ein wertvoller Beitrag und helfe mit, die Versorgung von Patientinnen und Patienten sicherzustellen. Eine Samariterin verbindet Karlsson die Armbeuge, eine weitere reicht ihm einen Orangensaft. Nach ein paar Minuten Liegenbleiben – was vor allem bei Neuspenderinnen und Neuspendern wichtig ist – steht der 19-Jährige auf, schwingt die Beine zur Seite und erhebt sich. Seine Liege bleibt nur kurz leer. Schon hat der Nächste den Ärmel hochgekrempelt.

Karlsson setzt sich in der Cafeteria noch einmal hin, isst dort eine Banane und sagt zum Schluss: «Ich werde bestimmt wiederkommen. Es war gar nicht schlimm – und ich kann etwas Gutes tun. Vielleicht rette ich ein Leben.»

Goldenes Blut – die seltenste Blutgruppe der Welt

Neben den acht bekannten Blutgruppen gibt es eine, die extrem rar ist: das sogenannte goldene Blut, offiziell «Rh-Null». Den Namen trägt es nicht wegen seiner Farbe, sondern wegen seiner aussergewöhnlichen Seltenheit. Bei dieser Blutgruppe fehlen den roten Blutkörperchen sämtliche 55 Antigene des Rhesussystems – nicht zu verwechseln mit «Rhesus negativ», wo lediglich ein einzelnes Merkmal fehlt. Weltweit sind nur rund 50 Menschen mit Rh-Null bekannt, von denen bloss etwa zehn aktiv spenden. Träger wären theoretisch ideale Spenderinnen und Spender, da ihr Blut vielen Empfängern übertragen werden könnte. Selbst empfangen können sie im Notfall jedoch nur goldenes Blut. Deshalb lassen einige Betroffene ihr eigenes Blut abnehmen und einfrieren, um im Ernstfall auf einen eigenen Vorrat zurückgreifen zu können.  

Ruhig liegt der 19-jährige Tobias Karlsson auf einer der roten Liegen, während die Samariterinnen die Spende überwachen.  Bilder Tobias Stepinski

 

 

Eine Blutspende dauert rund 10 bis 15 Minuten.

Gefüllte Beutel, bereit für den Transport ins Labor.

Samariter-Wallisellen-Präsident Christian Mattes misst Karlssons Blutdruck.