«Vergessen ist eben nicht gleich Vergessen.»

Friedjung Jüttner Dr. phil., Psychotherapeut

Friedjung Jüttner, Dr. phil. und Psychotherapeut, teilt im Stadt-Anzeiger regelmässig seine Gedanken. Diesmal geht es ums Vergessen – und um die Frage, ob nachlassendes Gedächtnis Alterszeichen oder weise Beschränkung aufs Wesentliche ist.

Bei Arztbesuchen muss man in der Regel Zeit mitbringen. Um sie einigermassen nützlich zu verbringen, nehme ich mir etwas zum Lesen mit. Das ist seit einiger Zeit ein kleines, postkartengrosses Buch, gefüllt mit «bissigen Aphorismen». Geschrieben hat sie ein Herr Karlheinz Deschner, ein geistreicher Autor, dessen Werk mehrmals ausgezeichnet wurde. Einige seiner Sprüche beschäftigen sich auch mit dem Alter und dem dazugehörenden Vergessen. Ich gebe Ihnen hier zwei seiner Sinnsprüche wieder.

Der erste lautet: «Wer leben will, muss vergessen können.» Ich muss Ihnen gestehen, dass ich diesen Satz nicht unbedingt für geistreich halte. Ich weiss, dass das Vergessen zum Leben gehört. Wir vergessen sicher viel mehr, als wir uns merken. Aber ob mein Leben vom Vergessen abhängt, möchte ich bezweifeln. Oder meint dieser Satz etwa, dass sich dank des Vergessens unser Wille zu leben steigert? Ich weiss nicht so recht.

Der zweite Satz hat es aber in sich: «Ein schlechtes Gedächtnis ist noch kein schlechter Verstand: Man weiss allmählich, worauf es ankommt – und schenkt sich den Rest.» Der Satz gefällt mir, weil er das Vergessen positiv darstellt. Wenn ich es richtig verstehe, dann hilft das Vergessen, uns auf das Wesentliche, auf das, worauf es ankommt, zu beschränken. Es wäre dann unnötig, dem Vergessenen nachzutrauern oder sich darüber zu ärgern, wenn einem etwas nicht mehr einfällt.

So ganz leise kommen mir aber auch Zweifel, weil ich glaube, dass dieser Satz nicht für alle Situationen zutrifft. Heute war ich beispielsweise einkaufen und hatte vergessen, den Einkaufszettel mitzunehmen. Ich habe dann «auswendig» eingekauft und alles mitgebracht – nur nicht das Brot. Und das wäre eigentlich das Wichtigste gewesen. Schon der Gedanke, kein Brot im Haus zu haben, macht mich hungrig. An solche Banalitäten hat unser Autor vermutlich gar nicht gedacht.

Vergessen ist eben nicht gleich Vergessen. Mich aber beschäftigt es. Die langsam schwächer werdenden Leistungen meines Gedächtnisses machen mir auch Angst: Ist das nur das Alter mit seiner weisen Auswahl des Wesentlichen – wie Deschner meint – oder ist es ein Zeichen zunehmender Senilität? Dass ich mich für die erste Variante, also für das Wichtige, worauf es ankommt, entscheide, könnte natürlich als Flucht vor einer sich einschleichenden Demenz ausgelegt werden. Aber diesen Gedanken versuche ich zu vergessen und den Rest schenke ich mir.