Soziologe: «Die Spielsucht istder Motor, das Geld das Benzin»
Sportwetten gelten als harmloser Nervenkitzel zum Spiel und während der Fussball-WM wird gewettet wie nie. Doch für immer mehr junge Männer wird es zu einer Sucht. Der Soziologe Domenic Schnoz vom Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich erklärt, wo die Gefahr beginnt.
Domenic Schnoz, es läuft aktuell die grösste und längste Fussball-WM aller Zeiten. Da wird sehr viel gewettet. Spüren Sie das in Ihrem Zentrum, sobald ein solches Turnier beginnt?
Nein, das kommt in der Regel nicht direkt. Es vergehen meist einige Jahre, in denen sich jemand in einer Spielsucht bewegt, bis er Hilfe in Anspruch nimmt. Spürbar ist es höchstens bei Leuten, die bereits bei uns in Behandlung sind und abstinent bleiben wollen. Für die sind die Trigger durch ein solches Turnier stärker, und es wird schwieriger, nicht rückfällig zu werden.
Was reizt Sie persönlich gerade an den Verhaltenssüchten?
Ich bin schon lange im Suchtbereich unterwegs, zuerst über die Forschung, dann in der Prävention – aber lange substanzspezifisch, also Alkohol, Cannabis, Kokain. Vor vier Jahren kam ich zu RADIX und habe mich zusätzlich auf Verhaltenssüchte spezialisiert. Es ist ein Feld, das sich stark entwickelt, und die Geldspielsucht beschäftigt uns dabei am meisten.
Sie leiten das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte. Was gehört zu Ihrer Aufgabe?
Ich bin von der Ausbildung her Soziologe, nicht Psychotherapeut – ich behandle die Betroffenen also nicht selbst. Ich leite die beiden Abteilungen Prävention und Behandlung und arbeite operativ vor allem in der Prävention mit. Über die Fallbeispiele der Therapeutinnen und Therapeuten bin ich aber nah dran. Prävention und Therapie sind bei uns in engem Austausch – so bekommen wir mit, was die Leute beschäftigt und welche neuen Trends aufkommen.
Während der WM setzt der eine oder die andere mal ein paar Franken auf ein Spiel. Wann wird daraus eine Sucht?
Zuerst muss man verstehen, dass Geldspielsucht eine international anerkannte Erkrankung ist, vergleichbar mit einer Alkohol- oder Drogensucht. Im Hirn laufen sehr ähnliche Mechanismen ab, nur führe ich keine Substanz zu. Erkennen kann man die Grenze an drei Faktoren. Erstens: Ich verliere die Kontrolle darüber, wie oft, wie viel und in welchen Situationen ich spiele – wenn ich etwa während der Arbeit auf dem WC noch Wetten absetze. Zweitens: Ich habe ernsthafte Probleme, klassischerweise Schulden, und spiele trotzdem weiter. Drittens: Alles rückt in den Hintergrund zugunsten des Spielens. Manche sind fast rund um die Uhr damit beschäftigt und stehen sogar nachts auf, um zu wetten – irgendwo auf der Welt findet immer ein Spiel statt.
«Oft leiden die Angehörigen sogar mehr als die Betroffenen selbst.»
Spielsüchtige stossen oft auf Unverständnis. Warum?
Dass jemand alkoholkrank ist, versteht man mittlerweile. Wer geldspielsüchtig ist, stösst dagegen auf grosses Unverständnis. Die Betroffenen sind ohnehin oft isoliert, schämen sich und sind wütend auf sich selbst. Das macht es schwieriger herauszukommen. Mir ist wichtig zu zeigen: Es ist eine Krankheit, und diese Menschen haben genauso ein Anrecht auf Hilfe wie jemand mit einer Alkoholsucht.
Gibt es den typischen Geldspielsüchtigen?
Grundsätzlich kann es jeden treffen. Aber in der Schweizer Statistik sind junge Männer deutlich übervertreten, und dort besonders die sport- und fussballaffinen. Bei den 20- bis 24‑jährigen Männern spielen über 14 Prozent risikoreich oder problematisch um Geld.
Woran liegt das?
Männer sind risikoaffiner, das hat auch mit dem Testosteron zu tun. Dazu kommen gesellschaftliche Erwartungen: Ein Mann soll risikofreudig sein, gewinnen, seinen Status zeigen – schöne Uhr, grosses Auto. Gerade junge Männer wollen beweisen, dass sie erfolgreich sind. Wer im realen Leben nicht leicht an Geld kommt, für den kann das ein Auslöser sein.
Bei Sportwetten glauben viele, mit Fussballwissen gewinnen zu können.
Das ist die grosse Illusion. Man meint, weil man weiss, welche Mannschaft gut spielt oder wer verletzt ist, könne man die Resultate besser vorhersagen als die Quoten. Es überrascht uns immer wieder, wie verbreitet diese Vorstellung ist. Vereinfacht gesagt: Sobald man glaubt, mit Sportwetten Geld zu verdienen, ist das schon eine grosse Red Flag. Denn langfristig ist das schlicht nicht mög-lich.
Kommen die Leute früh zu Ihnen oder erst, wenn es fünf nach zwölf ist?
Es gibt beides. Manche kommen einfach zu einer Standortbestimmung – sie wollen mit einer Fachperson einordnen, wo sie stehen: noch im grünen Bereich, schon orange, oder ist es ein Problem? Dafür muss man nicht süchtig sein, und niemand wird zu einer Therapie gedrängt. Der klassische Fall ist aber leider, dass die Leute erst kommen, wenn die Probleme schon massiv sind – viele Schulden, viel Druck aus dem Umfeld. Und dann ist es sehr unterschiedlich: Manchen reichen ein paar Beratungen, andere begleiten wir über Jahre.
Viele kommen also zu spät. Welche Warnzeichen sollte man ernst nehmen?
Eines der grössten ist, wenn ich meinen Verlusten hinterherrenne – also wette, um Verlorenes zurückzuholen, mit dem Gedanken: Wenn ich das wieder drin habe, höre ich auf. Ein zweites: wenn ich mein Umfeld anlüge, was mein Spielen betrifft – also zum Beispiel, wie oft ich spiele oder wie es um meine Verluste steht. Viele führen nicht Buch und erinnern sich besser an Gewinne als an Verluste. Mein Tipp: Schreiben Sie Gewinne und Verluste ein paar Wochen lang auf und schauen Sie es nüchtern an. Und drittens: wenn es schwerfällt, die eigenen Limiten einzuhalten. Trifft eines davon zu, lohnt sich ein Gespräch.
Das Umfeld ist besonders betroffen.
Ein Kollege hat es einmal so gesagt: Die Spielsucht ist der Motor, das Geld das Benzin. Wer ein Spielproblem hat, ist ständig auf der Suche nach Geld. Man leiht aus, erfindet Geschichten, verstrickt sich in Lügen. Irgendwann sind alle wütend, weil man sie angelogen hat und überall in der Kreide steht. Und das macht man, weil man krank ist, nicht weil man kriminell ist. Am Ende bricht alles zusammen: Die Partnerin ist weg, es gibt Streit mit Freunden und Familie, vielleicht verliert man den Job. Häufig leiden die Angehörigen dabei sogar mehr als die Betroffenen selbst. Denn die Betroffenen können sich beim Spielen wenigstens ablenken, das ist wie ein Rausch. Die Angehörigen sehen nur, was es mit der Person macht: Sie verändert sich, hat ständig Geldprobleme, ist gereizt und unruhig. Deshalb mein Aufruf: Auch Angehörige dürfen sich an uns oder an andere Fachstellen wenden, etwa mit der Frage, wie sie sich und ihre Finanzen schützen können.
Kann man von einer Geldspielsucht wieder ganz loskommen?
Unbedingt. Die Erfolgsaussichten sind sehr gut, wenn man professionelle Hilfe annimmt und selbst mitmacht – mit der Haltung «Die Therapeutin heilt mich schon» funktioniert es nicht. Rückfälle gehören häufig dazu, sie zeigen nur, an welchen Auslösern man noch arbeiten muss, und heissen nicht, dass man scheitert. Wie lange es dauert, ist unterschiedlich: Manchen reichen ein paar Beratungen, andere brauchen eine mehrjährige Therapie. Denn Geldspielsucht hat meist tiefere Ursachen – oft ist sie ein Symptom für etwas, das darunterliegt, etwa traumatische Erlebnisse, Angststörungen oder Depressionen. In der Therapie geht es auch darum, das zu verstehen und im Leben zu ändern. Das leistet eine reine Beratung nicht.
Stichwort Werbung: Wie stark befeuert sie das Problem?
Achten Sie einmal darauf, wie viel Glücksspielwerbung Sie im Alltag sehen – das ist massiv. Sie normalisiert das Geldspiel, und sie triggert: Wer abstinent bleiben will und ständig mit Werbung bombardiert wird, dem fällt es schwerer zu widerstehen. Die Werbung erreicht alle, auch Minderjährige. Das müsste die Schweiz besser regulieren.
Die Schweiz lässt für Sportwetten nur zwei legale Anbieter zu.
Das ist der richtige Weg. Diese beiden staatlichen Anbieter sind an Kriterien beim Sozialschutz gebunden und machen dort viele Dinge gut. Im Ausland existiert oft überhaupt kein Sozialschutz, und man kann auf viel problematischere Art Live-Wetten absetzen, die hier gar nicht erlaubt wären. Der Risikofaktor wird also begrenzt. Süchtig machen kann es trotzdem, das will ich nicht verharmlosen – aber wenn schon, dann ist es gut, dass es kontrollierter und monopolisiert ist.
Wiegt uns das nicht in falscher Sicherheit?
Zum Teil schon. Es ist leider immer noch sehr einfach, bei ausländischen Anbietern zu spielen. Ich nenne keine Namen, aber auf einschlägigen ausländischen Seiten zu wetten, ist viel zu einfach. Da muss man künftig schauen, wie man das besser verhindert.
Bei der Tabakprävention gilt die Schweiz als europäisches Schlusslicht. Wie steht sie beim Glücksspiel da?
Eine Rangliste wie beim Tabak gibt es hier nicht, soweit ich weiss. Ich glaube, die Schweiz macht vieles besser als das Ausland, etwa mit der Monopolisierung, weil die Anbieter letztlich den Kantonen gehören. Anderes machen andere Länder besser: Dort gibt es teils Beschränkungen, wie viel man pro Monat überhaupt verwetten darf. Das ist bei uns weniger der Fall. Insgesamt gibt es noch viel Luft nach oben.
Wo müsste aus ihrer Sicht die Schweizer Politik konkret ansetzen?
An mehreren Punkten. Erstens die Werbeflut einschränken, vor allem für Minderjährige und Gefährdete. Zweitens fehlt ein Datenaustausch zwischen den Anbietern: Heute weiss jede Plattform nur, wie jemand bei ihr spielt. Wer auf mehreren unterwegs ist, fällt durchs Raster, obwohl das Gesamtbild zeigen würde, dass er dringend Hilfe braucht. In Deutschland gibt es dafür ein zentrales Register. Drittens das anonyme Wetten am Kiosk, wo man ohne Ausweis spielen kann, auch wer gesperrt oder minderjährig ist. Und viertens braucht es mehr Prävention und mehr Behandlungsplätze. Im Suchtbereich herrscht seit Jahren ein Notstand.
Hilfe finden: Unterstützung für Betroffene und Angehörige
Rat und Unterstützung bei Geldspiel- und anderen Verhaltenssüchten gibt es kostenlos und anonym.
Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte (RADIX): Die Fachstelle für den Kanton Zürich, für Betroffene wie Angehörige. spielsucht-radix.ch
SOS Spielsucht: Kostenlose Helpline, rund um die Uhr, anonym: 0800 040 080. sos-spielsucht.ch
Die Sportwetten in nackten Zahlen
Wie die Schweizerische Gesundheitsbefragung 2022 zeigt, wiesen 4,3 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren ein risikoreiches oder problematisches Geldspielverhalten auf – 2017 waren es noch 3,2 Prozent. Besonders gefährdet sind junge Männer: Wie Sucht Schweiz mitteilt, spielen über 14 Prozent der 20- bis 24‑jährigen Männer risikoreich oder problematisch um Geld. Wie viel Geld im Spiel ist, zeigen die Zahlen der Anbieter: Der Bruttospielertrag aus Sportwetten der beiden legalen Anbieter Sporttip (Swisslos) und Jouez Sport (Loterie Romande) lag 2024 kumuliert bei 264 Millionen Franken – Geld, das die Spielenden verloren, wie die SRF-Sendung «Dok» berichtet. Seit ausländische Anbieter 2019 verboten wurden, sind die Erträge explodiert: Allein bei Swisslos stiegen die Bruttogewinne aus Sportwetten zwischen 2018 und 2024 von 21 auf 182 Millionen Franken, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt. Insgesamt verloren Spielende im Jahr 2024 in der Schweiz mehr als zwei Milliarden Franken, wie Sucht Schweiz bekannt gab. International bleibt das Problem gewaltig: Wie eine Studie von «The Lancet Public Health» aus dem Jahr 2024 zeigt, sind weltweit rund 80 Millionen Menschen spielsüchtig. (ts.)