Sie sind geflohen und wollen nun bleiben
Vier Jahre Krieg in der Ukraine haben Millionen Menschen zur Flucht gezwungen, Zehntausende auch in die Schweiz. Einige von ihnen leben heute im Glattal. Der 19‑jährige Vadym Yarmolenko und die 42‑jährige Alsu Martaler erzählen, wie sie versuchen, in der Schweiz Fuss zu fassen.
Geschrottete Panzer mit Andenkenblumen, Frauen mit grossen Einkaufstaschen, Kinder mit gespendeten Plüschtieren. Und immer wieder derselbe blaue Lieferwagen mit dem Schriftzug «Humanitarian Aid» und dem Hashtag «#klotenhelpsukraine». Die Fotos hängen dicht an dicht auf Posterwänden in den Räumen des Vereins #klotenhelpsukraine in Kloten. Es sind Aufnahmen aus der Ukraine, entstanden auf 19 Hilfsreisen seit Beginn des Kriegs. Vor den Posterwänden steht Daniel Buchs und spricht zu geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern aus der Region, viele von ihnen leben heute im Glattal. Der Anlass dient dem Austausch, dem Kennenlernen und dem Knüpfen von Kontakten.
«Ich wollte einfach helfen», sagt Buchs. Die Hilfsaktion habe er im Frühjahr 2022 gegründet, wenige Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Am Anfang sei alles über ihn persönlich gelaufen. «Die ersten Reisen habe ich komplett selbst finanziert. Ich wollte bewusst keine Geldspenden annehmen.» Er habe verhindern wollen, dass Misstrauen entstehe oder Diskussionen darüber, wohin das Geld fliesse. «Es ging mir darum, direkt zu helfen.»
Erst als klar geworden sei, dass der Krieg nicht nach zwei oder drei Monaten vorbei sein würde, habe er den Verein offiziell gegründet. Seither ist Buchs gemeinsam mit weiteren Vereinsmitgliedern regelmässig in die Ukraine gereist, oft in Regionen nahe der Front. Er erzählt von langen Fahrten, zerstörter Infrastruktur und Begegnungen mit Menschen, die geblieben sind.
Wenig spürbare Kriegsmüdigkeit
Auf ihren Reisen habe das Team von #klotenhelpsukraine sehr unterschiedliche Bedürfnisse erlebt, sagt Buchs. In den Frontregionen gehe es oft um das Nötigste: warme Kleidung, Hygieneartikel und Lebensmittel. «Viele der Menschen dort sind über 70 oder 80 Jahre alt, haben kein Auto und keine Möglichkeit, irgendwo einzukaufen», sagt er. In anderen Regionen, weiter westlich oder zentraler, würden eher Haushaltsgegenstände, Bettwäsche oder Dinge für Kinder gebraucht.
Von einer allgemeinen Kriegsmüdigkeit, wie sie in Berichten manchmal beschrieben werde, habe das Team selbst auf den Reisen wenig wahrgenommen. «Natürlich gibt es Erschöpfung und Frust», sagt Buchs. «Aber wir erleben vor allem Zusammenhalt und einen starken Willen, durchzuhalten.» Gerade dort, wo die Zerstörung am grössten sei, sei auch die Entschlossenheit besonders deutlich. «Viele sagen: ‹Das ist unser Dorf. Das geben wir nicht auf.› »
Ganze Familie hinter sich gelassen
Ins Ukrainische übersetzt wird das, was Buchs erzählt, von Vadym Yarmolenko. Der 19‑Jährige ist heute Koordinator für die Ukraine-Reisen im Verein. Er ist selbst vor knapp einem Jahr geflüchtet. «So lerne ich immer besser Deutsch, und das ist wichtig», sagt er.
Yarmolenko trägt einen grauen Kapuzenpullover. Er lächelt hin und wieder, seine Worte sind bedacht und hallen nach. Wenn er erzählt, wie er die Ukraine verlassen hat, sucht er manchmal nach Worten. Seine Familie lebt noch in Kiew. «Meine Mutter, mein grosser Bruder und meine kleine Schwester sind dort geblieben», sagt er. «Meine Schwester ist erst zwei Jahre alt.» Den Kontakt hält er über Videoanrufe. «Ich vermisse sie sehr.»
«Ich bin erwachsen geworden. Und ich bin mir jetzt auch sicher, dass ich mein Leben hier in der Schweiz aufbauen möchte.»
In die Schweiz kam er über Buchs. Der Klotener traf Yarmolenko in Kiew eher zufällig. Schon dort begann der Ukrainer mitzuarbeiten. Irgendwann fragte er Buchs, ob er mit in die Schweiz kommen könne. «Ich wollte weg», sagt Yarmolenko. «In der Ukraine gibt es im Moment keine Perspektive für junge Menschen, die Arbeit suchen.» Heute lebt er in Kloten.
«Ich will Schreiner werden»
Im Januar 2025 kommt Yarmolenko in die Schweiz. Kurz darauf beginnt er, Deutsch zu lernen. Nur so, sagt er, könne er sein Ziel erreichen. Und das wiederholt er immer wieder: «Ich will etwas mit Holz machen, ich will Schreiner werden.» Er spielt Gitarre – elektrische, akustische und Bassgitarre. «Mein Traum ist, irgendwann meine eigenen Gitarren zu bauen.» Er habe bereits als Schreiner und als Zimmermann geschnuppert. «Das hat mir sehr gefallen.» Trotzdem habe er bisher nur Absagen erhalten.
Mit dieser Erfahrung steht er nicht allein da. In der Schweiz leben derzeit rund 72 000 Ukrainerinnen und Ukrainer mit dem Schutzstatus S. Der Status wurde im März 2022 erstmals aktiviert und ermöglicht ein Aufenthaltsrecht ohne reguläres Asylverfahren. Arbeiten ist erlaubt, Sozialhilfe ebenfalls vorgesehen. Gleichzeitig bleibt der Status befristet und rückkehrorientiert.
Doch bei weitem arbeiten nicht alle. Nach aktuellen Zahlen sind schweizweit rund 30 bis knapp 38 Prozent der Personen mit Schutzstatus S erwerbstätig, wie der Bund mitteilt. Bei jenen, die seit mindestens drei Jahren in der Schweiz leben, lag die Erwerbstätigenquote Ende November 2025 bei rund 46 Prozent. Der vom Bundesrat gesetzte Zielwert von 50 Prozent wurde damit verfehlt.
«Die Kantone müssen ihre Anstrengungen zur Arbeitsmarktintegration weiter verstärken», sagte eine Sprecherin des Staatssekretariats für Migration (SEM) gegenüber dem «Blick». Als zentrale Hürden nennt das SEM Sprachkenntnisse, die Anerkennung von Diplomen sowie die unsichere Aufenthaltsperspektive, die auch Arbeitgeber zögern lasse.
Trotz guter Ausbildung keinen Job
Wie schwierig es ist, trotz guter Ausbildung in der Schweiz eine Stelle zu finden, zeigt das Beispiel von Alsu Martaler. Die 42‑Jährige lebte früher in Bachmut, in der Region Donezk im Donbass. «Bachmut wurde komplett zerstört», sagt sie. «Wir haben unser Haus verloren, alle Dokumente, Fotos, Kleidung – einfach alles.»
Martaler kam kurz vor Beginn des russischen Angriffskriegs in die Schweiz. «Fünf oder sechs Tage später wurde die Grenze geschlossen. Ich konnte nicht mehr zurück.» Zwei Monate später gelang es ihr, auch ihre Mutter in die Schweiz zu holen. Die 80-Jährige reiste drei Tage lang mit Bus, Zug und einem privaten Fahrer. «Sie kam mit zwei Katzen», sagt Martaler.
Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrem Schweizer Partner in Kloten. Wenn Martaler über ihr Kind spricht, senkt sie kurz den Blick. Ihre Hand ruht auf einem Stoffteddybären mit einer ukrainischen Flagge in Herzform. «Für mich ist mein Kind im Moment das Allerwichtigste», sagt sie leise. «Alles andere kommt danach.»
Beruflich arbeitet Martaler derzeit online für einen Arbeitgeber in der Ukraine. Sie verfügt über zwei Diplome, darunter einen Master of Business Administration (MBA). Trotzdem gelingt ihr der Einstieg in den Schweizer Arbeitsmarkt bisher nicht. «Es ist schwierig, hier eine Stelle zu finden», sagt sie. «Vor allem wegen der Sprache.» Sie wolle arbeiten, betont sie mehrfach. «Ich möchte eine gute Arbeit finden – eine, die meiner Ausbildung entspricht.»
Unsicherheit schreckt Gewerbe ab
Ein Blick über die Schweiz hinaus zeigt grosse Unterschiede. In Deutschland liegt die Beschäftigungsquote ukrainischer Geflüchteter je nach Region bei rund 25 bis 35 Prozent, in Österreich in einem ähnlichen Bereich. Polen hingegen weist mit rund 78 Prozent eine der höchsten Erwerbstätigenquoten Europas auf. Dort konnten viele Ukrainerinnen und Ukrainer rasch eine Arbeit aufnehmen – oft unter ihrem Qualifikationsniveau, aber mit schneller Integration in den Arbeitsmarkt. Sprachliche Nähe und bestehende Netzwerke spielten dabei eine Rolle.
Über das Thema Arbeiten spricht Buchs auch mit Ukrainerinnen und Ukrainern, die heute in der Schweiz leben. Mit ihnen steht Daniel Buchs im Austausch. Viele von ihnen wollten arbeiten, sagt er – möglichst rasch und regulär. «Das Zermürbende ist, dass sie hier sitzen und warten müssen» – das habe er immer wieder gehört. Viele seien motiviert, wollten unabhängig sein und nicht dauerhaft von der Gemeinde unterstützt werden. Stattdessen erlebten sie Auflagen, administrativen Druck und lange Wege, bis sich etwas bewege. Gerade junge Ukrainerinnen und Ukrainer wollten sich einbringen, sagt Buchs, «aber sie stossen oft an Grenzen, obwohl sie bereit wären zu arbeiten». Der befristete Schutzstatus S und die damit verbundene Unsicherheit wirkten dabei zusätzlich hemmend. Buchs: «Vor allem für das Gewerbe ist diese Unsicherheit der Hauptgrund, weshalb es zu keiner Anstellung kommt – die Sprache ist sekundär.»
Am Ende des Gesprächs äussert Vadym Yarmolenko seinen Wunsch. «Ich hoffe, dass der Krieg so schnell wie möglich endet», sagt er. Zugleich blickt er auf das vergangene Jahr zurück: Seit seiner Flucht habe er mehr gelernt als zuvor. «Ich bin erwachsen geworden. Und ich bin mir jetzt auch sicher, dass ich mein Leben hier in der Schweiz aufbauen möchte.»
Hinweis zur Veranstaltung
Am 24. Februar lädt der Verein #klotenhelpsukraine zu einer öffentlich zugänglichen Veranstaltung auf dem Stadtplatz ein. Geplant ist eine Manifestation, bei der nicht die Zerstörung und die vielen Opfer, sondern das Überleben im Krieg im Zentrum steht. «Neben Fotoausstellung, Kerzen- und Fahnenmeer wird auch eine Ambulanz ausgestellt, um die zivile Situation aufzuzeigen», sagt Präsident Daniel Buchs. Die Veranstaltung richtet sich an die breite Öffentlichkeit.
Weitere Informationen zum Verein: www.klotenhelpsukraine.ch