«Mit Reto Berra passt es natürlich nochmals besser»
Reto Berra als neuer Rückhalt, sechs vielversprechende Imports und ein neuer Trainerstab: So blickt der EHC Kloten auf die neu Saison. Sportchef Ricardo Schödler spricht im Interview über Personalentscheide, Erwartungen, das Kader und weshalb er der Mannschaft den nächsten Schritt zutraut.
Zunächst zu den letzten Personalien. Nicholas Steiner (34) wird wegen eines Achillessehnenrisses voraussichtlich sechs Monate fehlen. Für den physisch starken Abwehrveteranen ist die Verletzung besonders bitter, nachdem er bereits in der vergangenen Saison wegen eines Kreuzbandrisses vom November 2024 lange ausgefallen ist.
Diesmal passierte es in einem Off-Ice-Training. Für jeden Spieler, der sich so verletzt, ist es schlimm. Aber ich habe mir immerhin sagen lassen: Im Hockey ist ein Achillessehnenriss weniger schlimm als im Fussball, weil der Eishockeyschuh eine raschere Rückkehr begünstigen könnte.
Sein Ersatz, der 35‑jährige Dominik Schlumpf, zweimal Meister mit Zug, verfügt gar über WM- und Olympia-Erfahrung. War Klotens neuer Trainer Michael Liniger ein Förderer dieses Transfers, da er als EVZ-Trainer den früheren Nationalspieler noch bis im Januar trainiert hatte und deshalb gut kannte?
Wir schauten es zusammen an. Wir hatten nur mit acht Verteidigern für die National-League-Saison geplant, dahinter sollten zwei eigene Nachwuchskräfte folgen. Aber nur mit sieben erfahrenen National-League-Verteidigern in die Saison starten, das wollten wir nicht. Deshalb war für uns klar, dass wir noch einen dazuholen wollten. Es hatte auch nicht wahnsinnig viel Auswahl auf dem Markt. Mit Schlumpf war ein Spieler verfügbar, der mit seinem Profil und seiner Stärken-Schwächen-Verteilung sehr gut zu uns passte.
Steiner stand fürs Grobe und seine Physis. Aber er glänzte auch ab und zu als Torschütze.
Er war für uns nicht einer, der als Verteidiger für die Offensivproduktion zuständig war. Doch für einen Verteidiger mit seinen anderen Qualitäten waren seine jeweils rund zehn Skorerpunkte schon sehr beeindruckend. Eingeplant war Steiner bei uns nicht in einer offensiven Rolle, sondern im Penaltykilling und mit seiner physischen Präsenz. Einfach defensiv gut arbeiten, das war seine Rolle. Und ich denke, das können wir nun mit Schlumpf gut auffangen.
In der Abwehr erwarten wir von den Imports eine offensive Produktivität, wie wir sie vor zwei Jahren mit Sami Niku und Tom Gregoire hatten.
Noch ein Wort zum Abgang des hochtalentierten Goalies Ewan Huet, der nun doch wieder zu seinem Stammklub Lausanne zurückgekehrt ist und durch Santo Simmchen (20, zuletzt in der Swiss League bei La Chaux-de-Fonds) ersetzt wird, der im Rahmen der Partnerschaft mit dem HC Thurgau hauptsächlich in der Swiss League zum Einsatz kommen wird. War es für Huet vielleicht doch auch ein Problem, dass mit Nolan Diem, Axel Simic und Goalie Ludovic Waeber gleich mehrere französischsprachige Spieler den Verein verliessen?
Nein, das ist nicht der Grund. Lausanne suchte einen Kandidaten und kam auf Ewan. Wir stellten Bedingungen für die Vertragsauflösung, Lausanne bezahlte dann eine Ablösesumme. Deshalb erfolgte die Freigabe. Wir loteten auch aus, ob er überhaupt bei uns verlängern würde. Da merkten wir, dass dies kaum möglich sein würde und er sonst ohnehin in einem Jahr zu Lausanne wechseln würde. So betrachtet bevorzugten wir die Variante mit einer Ablösesumme für einen Sofortwechsel.
Sie betonen aber, dass dies nicht einfach Business sei. Dies im Gegensatz zum Fussball etwa, wo laufende Verträge jederzeit durch entsprechende Ablösesummen ihre Gültigkeit verlieren.
Das ist im Eishockey wirklich nicht üblich. Es traf jetzt bei uns gleich zweimal zu: bei Trainer Lauri Marjamäki, der zu Zug wollte, und zuletzt bei Ewan Huet.
Und bei Huet spielte auch keine Rolle, dass mit dem Engagement von Reto Berra die Chance auf Einsätze in der National League wieder geringer geworden wäre, sofern Berra gesund bleibt?
Ich glaube, dass es für ihn in der letzten Saison zu gut lief – und auch für Fadani. Beide kamen wegen des längeren Ausfalls von Ludovic Waeber bereits im Herbst zu vielen Einsätzen. Wir wurden für den Entscheid, diesen beiden zu vertrauen und nicht kurzfristig noch einen Ersatz zu holen, kritisiert, doch am Ende klatschten uns alle dafür Beifall. Hätte man Reto Berra auf diese Saison hin nicht verpflichten können, hätten wir auch mit Fadani als Stammgoalie in die Saison starten können. Das wäre kein Problem gewesen.
«Für einen Verteidiger mit Steiners Qualitäten waren seine jeweils rund zehn Skorerpunkte schon sehr beeindruckend.»
Aber dann wären die sportlichen Erwartungen oder Hoffnungen sicher tiefer gewesen, als sie es jetzt mit Königstransfer Berra sind.
Gut, ich sage nicht, dass Fadani und Huet dann besser gewesen wären als Berra. Aber sie wären ein Jahr älter und wohl auch nochmals besser gewesen. Mit Berra haben wir nun einen Goalie geholt, den wohl 13 der 14 National-League-Klubs gerne hätten. Entsprechend passt dies natürlich nochmals besser.
Noch ein Wort zum Huets Nachfolger Santo Simmchen, der in der Vorsaison in der Swiss League 14 Spiele für La Chaux-de-Fonds bestritt und nun für Einsätze bei Klotens Partnerteam Thurgau vorgesehen ist.
Wichtig sind nicht in erster Linie die Abwehrquote eines jungen Keepers, sondern dass der Goalie-Trainer ein gewisses Talent und Potenzial sieht, um mit einem solchen Torhüter zu arbeiten und ihn weiterzuentwickeln. Die Goalies in der National League sind grossmehrheitlich frühestens ab Mitte 20 etabliert. Von daher hat auch ein Santo noch Zeit, sich zu entwickeln. Dasselbe trifft auch auf die Goalies der U21-Elit zu.
Klotens neuer Nummer‑1-Goalie Reto Berra hat mittlerweile offiziell seinen Rücktritt aus dem Nationalteam verkündet. Überrascht?
Er hatte mich schon vorher informiert. Das ist sein Entscheid. Uns freut es natürlich, dass er sich nun voll auf uns fokussieren kann. Aber ich hätte ihm auch eine weitergehende Doppelbelastung problemlos zugetraut und dass er dies gut weggesteckt hätte. Für uns ist es so oder so positiv.
Berras Zielsetzung mit Kloten ist klar: Der Meistergoalie von Fribourg-Gottéron will mit Kloten in die Playoffs.
Er hat seine persönliche Zielsetzung erwähnt und gesagt, wo er hin will. Wir als Verein werden das alles ein wenig einordnen. Alle anderen Teams der Liga machen ebenfalls Fortschritte oder haben sich verstärkt. Da können wir nicht kommen und sagen, wir wollen in die Top 6 und einen direkten Playoff-Platz. Es wird bis zum Schluss umkämpft sein. Das ist die Realität in dieser Liga. Vorher wird nichts entschieden sein.
Aber ist die Aufbruchstimmung vergleichbar mit jener vor zwei Jahren, als am Ende der 7. Rang und danach über das Play-in die Playoff-Viertelfinals erreicht wurden?
Wir werden im Verlauf der unmittelbaren Saisonvorbereitung unsere Zielsetzung kommunizieren. Aber diese wird nicht komplett anders sein als in den Vorjahren (möglichst die beiden Playout-Plätze vermeiden beziehungsweise früh Abstand dazu schaffen – Red.).
Ist das Kader für das Fanionteam nun komplett oder ist Denis Hollenstein (36) für eine kurzfristige Verpflichtung doch noch ein Thema?
Das Kader war schon vor den notwendig gewordenen Retuschen wegen Ewan Huet und Nicholas Steiner komplett. Aber es ist halt nie so, dass nichts mehr passiert. Wir reagierten auf Situationen, in denen man etwas machen musste oder konnte. Wenn es finanzierbar ist und es uns helfen könnte, dann steht halt wieder ein Neuer in der Garderobe.
Sie kennen Denis persönlich sehr gut. Wie hält er sich fit?
Das weiss ich nicht. Ich weiss, wie es seiner Familie geht. Aber ich weiss nicht, wie er sich fit hält. Er ist kein Spieler von uns.
«Wenn Dario Meyer bei uns unterschreibt, ist das für uns schon eine grosse Story.»
Was sind Ihre bisherigen Eindrücke vom neuen Coaching-Stab um Headcoach Michael Liniger, dessen zwei Assistenten (unter anderem Marcel Jenni) und den neuen Goalie-Trainer Markus Korhonen?
Alle haben sich gut eingelebt und bereits gute Trainings geleitet. Wir hatten zudem viele Meetings, in denen wir ihnen den Klub, unsere Werte, die DNA des EHC Kloten und die Kultur, die wir seit zwei Jahren aufbauen, nähergebracht haben. Jetzt können alle in den Ferien noch etwas abschalten, ehe es am 27. Juli wieder richtig losgeht.
Bei den Imports sind die Erwartungen deutlich höher als in der letzten Saison.
Für Petteri Puhakka geht es darum, mehr Konstanz in seine Leistungen zu bringen. In der Abwehr erwarten wir von den Imports eine offensive Produktivität, wie wir sie vor zwei Jahren mit Sami Niku und Tom Gregoire hatten (30 beziehungsweise 25 Skorerpunkte in der damaligen Regular Season - Red.). Nach dem Zuzug von Simon Johansson ist diese Erwartung klar, denn er ist - wie auch Max Lindroth - zu zehn oder gar 15 Toren in der National League fähig.Im Sturm hat Pontus Aberg im Finish der letzten Qualifikation mit Joel Henry und Mischa Ramel bereits eine unglaublich gute Harmonie gezeigt. Dazu kehrt mit Arttu Ruotsalainen ein Spieler zu uns zurück, der sich in Schweden nochmals weiterentwickelt hat und als Champions-League-Gewinner mit Frölunda nach Kloten kommt. Unser Wunsch ist auf jeden Fall, dass wir zwei hochkarätige und erfolgreiche Powerplay-Formationen zusammenstellen können, die sich gegenseitig herausfordern.
«Reto Berra hat seine persönliche Zielsetzung erwähnt und gesagt, wo er hin will.»
Also mindestens 20 Skorerpunkte mehr von den Imports im Vergleich zur Vorsaison?
Gut, einfach formuliert würde oder sollte schon Gignac alleine in einer vollständigen Saison rund 20 Skorerpunkte mehr erzielen. Bei ihm ist die einzige Frage, ob er gesund bleibt. Dann macht er 40 bis 50 Punkte. Aber natürlich wollen wir die Produktion auf viele Spieler verteilen. Wir wollen auch, dass Puhakka während der ganzen Saison sein Topniveau erreicht und wieder ins finnische Nationalteam zurückfindet. Dasselbe gilt für Ruotsalainen. Die schwedischen Verteidiger Max Lindroth und Simon Johansson spielten noch nie für die A‑Nationalmannschaft ihres Heimatlandes, Johansson war lediglich Junioren-Internationaler. Es wäre cool, wenn sie wieder den Sprung in ihre Nationalteams schaffen würden.
Von welchen Spielern erwarten Sie weitere Entwicklungsschritte?
Prinzipiell vom ganzen Team, das einen Schritt nach vorne mache soll, insbesondere aber von den jüngeren Spielern. Rafi Meier kommt schon bald auf 100 National-League-Spiele. Das hätte vor zwei Jahren wohl kaum jemand erwartet. Auch auf seinen Zwillingsbruder Simon (debütierte nach einer langwierigen Schulterverletzung erst im Finish der Qualifikation in der National League – Red.) bin ich gespannt. Joel Henry, Keanu Derungs, Keijo Weibel oder Leandro Hausheer sehen im Training bereits gut aus. Auch Noah Delémont wird mit seinen vielen Spielen im Rücken nochmals einen Schritt machen.
Ramel machte in der letzten Saison einen Rückschritt in seiner Punkteproduktion, aber nicht als Spieler?
Er spielte viel in Unterzahl und machte einen Schritt in Sachen Leadership und seinem Auftreten. Er wird von den anderen Jungen als einer betrachtet, der es geschafft hat. Das prasselt alles auf ihn ein. Auch mehr Verantwortung prasselt auf ihn ein. Das handelt er sehr gut. Und bei ihm bin ich sehr, sehr zuversichtlich, dass es gut kommen wird.
Und was gibt es zum neuen Youth Manager Lukas Baumgartner zu sagen? Der 42‑jährige Ex-Profi von Kloten übernimmt ab Oktober die sportliche Gesamtverantwortung für den Nachwuchsbereich und soll die Weiterentwicklung des EHC-Kloten-Nachwuchses gemeinsam mit den Trainerteams und Ihnen vorantreiben.
Lukas ist einer der ganz grossen Fachmänner im Schweizer Eishockey. Er führte beim Verband quasi meinen vorherigen Job als Nationalteam-Manager weiter. Er bestritt als Spieler drei U20- und zwei U18-Weltmeisterschaften. Er hat alles selbst erlebt, was die Jungen erleben möchten. Die eigenen Erfahrungen und die Standards, die er in den vergangenen Jahren im internationalen Nachwuchsbereich gesammelt hat, kann er nun einbringen und die Coaches im Verein unterstützen. Er verfügt über ein sehr gutes Auge für Talente und erkennt gewisse Entwicklungswege früh. Ich denke, dass unser Nachwuchs mit ihm und durch die bereits vorhandene Dynamik sehr gut in die Zukunft gehen kann.
Wie ist der Stand bei den Vertragsverhandlungen mit Teamleader Dario Meyer?
Wenn er bei uns unterschreibt, ist das für uns schon eine grosse Story und wir werden dies entsprechend kommunizieren. Aber aktuell gibt es nichts Neues dazu.