Michael Liniger: «Wir stehen wieder auf»
Headcoach Michael Liniger plant Klotens Neuangriff nach der Länderspielpause: Der 46‑Jährige spricht über die schwierige erste Saisonphase, die Entwicklung der jungen Spieler, die Situation im Tor und das Nationalteam-Aufgebot von Keanu Derungs.
Der Tabellenletzte Kloten befindet sich in der ersten Länderspielpause. Headcoach Michael Liniger analysiert die aktuelle Situation, zeigt auf, wo er Verbesserungspotenzial sieht, und spricht über das Nationalteam-Debüt von Keanu Derungs. Das Klotener Eigengewächs steht ab heute mit der Schweizer Nationalmannschaft in Helsinki gegen Gastgeber und Weltmeister Finnland, Schweden sowie Tschechien im Einsatz.
Der MySports-Experte und frühere National-League-Profi Alex Chatelain bezeichnete Derungs auf den ersten Blick als die «grösste Überraschung» im Aufgebot von Nationaltrainer Jan Cadieux. Auf den zweiten Blick mache die Nomination des zähen Defensivarbeiters mit vielen Boxplay-Minuten aber Sinn. Derungs war zuletzt auch in Klotens zweiter Überzahlformation im Einsatz. Die meisten anderen Kandidaten in der National League mit einem vergleichbaren Rollenprofil seien bereits um die 30.
Ähnlich wie beim 2:3 im ersten Saisonderby in Zürich zeigte Kloten auch beim 0:4 vor eigenem Publikum trotz der Niederlage eine gute Leistung. Zum Punktgewinn reichte es erneut nicht.
Michael Liniger, wie fällt Ihre Analyse des Derbys aus?
Wir sind verhalten gestartet, haben uns dann aber gesteigert und den ZSC Lions trotz des 0:4 ein Duell auf Augenhöhe geliefert. Es ist frustrierend, wenn der Puck nicht reingeht. Was wir verlangen, ist einfach, dass jeder Spieler 100 Prozent gibt – das Beste, was er draufhat. Ich denke, dass extrem viele bei uns diese 100 Prozent erreicht haben. Wenn die Tore ausbleiben, obwohl man es immer wieder versucht, ist das frustrierend. Ich hätte den Sieg vor allem auch den Zuschauern gegönnt, die uns seit Saisonbeginn so stark und tatkräftig unterstützen. Aber wir stehen wieder auf.
Die erste Saisonphase mit zeitweise bis zu zehn verletzten Spielern und aktuell immer noch mindestens sieben Absenzen gestaltete sich für Kloten schwierig. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Mannschaft in dieser Situation?
Der Aufbau und die Vorbereitung verliefen noch gut. Auch während der Phase mit den aufeinanderfolgenden Niederlagen spielten wir nicht unbedingt schlecht, sondern waren eher naiv. Klar, wir haben auch sehr viele junge Spieler im Team. Es ist eindrücklich zu sehen, wie sie sich entwickeln können, wenn sie Vertrauen und Eiszeit erhalten. Allein Verteidiger Laurin Rupli spielte am Samstag sensationell. Wir brauchen auch Punkte, das ist klar. Aber wir investieren in diese Jungs, von denen ich überzeugt bin, dass wir eines Tages etwas von ihnen zurückbekommen.
Mit diesem Prozess bin ich eigentlich immer zufrieden gewesen. Ich kann ihn auch kontrollieren, die Ergebnisse hingegen nicht. Aber ich glaube immer daran, dass wir ein Spiel drehen können. Das war auch am Freitag nach dem 0:4-Rückstand in Biel noch so, als wir auf 2:4 verkürzten. Die zwei Wochen Pause sind nun gut für uns. Wir können Energie tanken und analysieren, was wir verbessern können. Auch bei ihnen ist es ein Prozess.
Reto Berra war in der Vorsaison noch der beste Keeper der Liga und Meister mit Fribourg-Gottéron. Er wechselte in erster Linie seinem Herzen folgend zu seinem Lieblingsklub aus Kindheitstagen und nahm sich viel vor. War es zu viel und blieb er deshalb bislang unter seinem Rendement?
Wir versuchen, ihm so gut es geht zu helfen und ihn zu unterstützen. Wir suchen nach Lösungen und arbeiten daran, dass wir beide Torhüter in Topform haben. Das Wichtigste ist Berras Arbeitseffort, der vorhanden ist. In den letzten zwei Wochen habe ich ihn zudem extrem fokussiert und gleichzeitig entspannt gesehen. Wir bleiben dran. Er hat volle Rückendeckung. Und wir wissen, dass er noch auf das Level kommen wird, das uns helfen kann. Das benötigen wir logischerweise auch. Wir als Team sind aber ebenfalls gefragt, den Goalies zu helfen. Und irgendwann wird es wieder umgekehrt sein. Das ist ein Wechselspiel. Zu Davide Fadani kann ich in diesem Zusammenhang sagen, dass er uns in jedem Spiel die Möglichkeit gegeben hat, es zu gewinnen.
Klotens Eigengewächs Keanu Derungs debütiert nun am Vierländerturnier in Finnland für das Schweizer Nationalteam. Was zeichnet ihn aus?
Keanu hat sein Profil erweitert. In seiner Jugendzeit war er nur ein Goalgetter. Inzwischen ist er defensiv verlässlich geworden. Zusammen mit Reto Schäppi ist er ein unheimlich guter Boxplay-Spieler geworden. Er kann Bullys gewinnen, blockiert Schüsse und gewinnt Zweikämpfe. Im Powerplay kann er die Rolle als «Bumper» (zentral im hohen Slot agierend) spielen. Er ist ein sehr guter Allrounder in unserer Liga und hat sich dadurch das Aufgebot verdient. Ich finde es auch top, dass man nicht nur auf Skorerpunkte schaut (1 Tor und 1 Assist nach 19 Spielen – Red.), sondern auch den Einfluss auf das Team als Massstab nimmt. Und da hat er einen sehr grossen. Dazu ist er ein pflegeleichter und dankbarer Spieler, der sowohl in der ersten als auch in der vierten Linie oder sogar im einen oder anderen Shift als Verteidiger eingesetzt werden kann. Mit 24 ist er noch jung, gleichzeitig aber schon routiniert und bei uns bereits ein Leader.
Welche Klotener Spieler sind während der Länderspielpause sonst noch im Einsatz?
Bernd Wolf musste sein Aufgebot für Österreich verletzungsbedingt absagen (der Verteidiger mit Schweizer Lizenz schied gegen die Lions aus – Red.). Davide Fadani spielt mit Italien. Elia Liniger und Laurin Rupli sind in der U20-Auswahl engagiert. In der U18 ist Philip Moser nebst anderen Klotenern aufgeboten.
Woran arbeitet Kloten in der Pause?
Bis am Mittwoch arbeiteten wir nach dem Spiel gegen die Lions noch an Ausdauer, Kraft und den Zweikämpfen. Danach gibt es einige freie Tage. Das ist auch für die Coaches wichtig, um sich wieder ein wenig sammeln und loslassen zu können.
Welche Spieler von der Verletztenliste kehren nach der Pause zurück – die Comebacks von Michael Hügli und Dominik Schlumpf waren bereits für das letzte Wochenende als möglich eingestuft worden?
Manchmal gibt es Rückschläge im Genesungsprozess. Deshalb lässt sich das nicht immer genau prognostizieren. Ich kann es deshalb nicht konkret sagen. Wir wollen uns in der Vorbereitung auf die nächsten Spiele fordern, gleichzeitig aber auch darauf achten, dass die Spieler gesund bleiben. Es soll ein cleverer Aufbau sein.
Was wollen Sie nach der Pause von Ihrem Team sehen?
Dass wir an die Leistung und den Auftritt vom Derby gegen die ZSC Lions anknüpfen. Man hat da gesehen, wie viele Emotionen, Kampfgeist und vor allem Teamgeist in dieser Mannschaft stecken. Sie lebt, sie opfert sich auf, zeigt Spielfreude und demonstriert Stolz, für Kloten zu spielen. Ich will, dass man das weiterhin sieht und wir es auf das nächste Level heben. Also noch ein wenig kaltblütiger vor dem Tor werden, um zu mehr Punkten zu kommen.
«Was wir verlangen, ist einfach, dass jeder Spieler 100 Prozent gibt», sagt Kloten-Coach Michael Liniger im Interview.
Kloten-Stürmer Keanu Derungs darf am Vierländerturnier in Finnland sein Debüt im Schweizer Nationalteam feiern. Bilder Marcel Kaul