Krähen im Blick
Sind es Krähen oder sind es Raben? Es soll da einen Unterschied geben, aber ich kenne ihn nicht. Darum rede ich hier mal nur von Krähen. Schliesslich gehören die Krähen zur Rabenfamilie.
Seit einiger Zeit beobachte ich mit meiner Frau ein kleines Krähenschauspiel. Von unserem Wohnzimmer aus haben wir einen offenen Blick auf das Bubenholzwäldchen. Jetzt, wo die Bäume blätterfrei sind, sehen wir, wie fast jeden Nachmittag oder auch erst gegen Abend eine Unzahl Krähen auf den Baumwipfeln zusammenkommen und warten. Meist mit dem Blick in eine Richtung. Hin und wieder flattert eine auf, um sich aber schnell wieder auf einem Ast abzusetzen. Und irgendwann, wie auf ein Kommando, fliegen sie plötzlich alle los. Zuerst bilden sie einen geschlossenen Schwarm, aber der löst sich schnell in kleine Gruppen auf. Aber auch diese Grüppchen bestehen aus Individualisten. Sie fliegen nicht gemeinsam, wie beispielsweise die Tauben es machen. Jede hat so ihre eigene Flugbahn. Das wirkt auf den Betrachter gar nicht sozial, sondern eher eigenwillig. Nur wenige kommen dann zurück auf die Bubenholzbäume, die anderen verschwinden in alle Richtungen.
«Den gegenseitigen Austausch unter den Krähen gibt es wirklich. Nur verstehen wir ihn nicht.»
Ich habe bei Google nachgeschlagen und erfahren, dass die Rabenvögel «hochsozialisierte und intelligente» Tiere seien. Und dass sie sich zum Schutz vor Fressfeinden zu «Schlafgemeinschaften» zusammenfänden, um gemeinsam zu übernachten. Mag sein. Aber die Krähen von Opfikon übernachten offensichtlich nicht gemeinsam. Die fliegen nämlich nach ihrem abendlichen Zusammentreffen wieder auseinander. Ob sie nur zusammenkommen, um sich über den Tag auszutauschen? Sie sind ja nicht nur sozial, sondern auch intelligent? Man müsste einen Krähenversteher fragen.
Ich habe das getan und in Sempach bei der Vogelwarte angerufen. Die Überlegung mit dem gegenseitigen Austausch ist gar nicht so weit daneben. Den gibt es wirklich. Nur verstehen wir ihn nicht. Für uns ist es lediglich ein nichts bedeutendes Gekrächze.
Meine zweite Frage war: «Wer gibt das Kommando zum gemeinsamen Aufbruch?» Dazu sagte die Vogelexpertin etwa Folgendes: Das hängt von der jeweiligen Dynamik ab. Es ist ohnehin eine gewisse Unruhe da. Und wenn ein Tier abfliegt und einige sich anschliessen, fliegen gern sofort alle mit. Sie könnten aber auch durch ein Geräusch oder einen Greifvogel erschreckt werden und darum zusammen wegfliegen.
Nach meinen Beobachtungen haben Krähen keine Angst vor Rotmilanen, die hier auch gern ihre Kreise ziehen. Im Gegenteil. Sie greifen sie im Flug oft an und versuchen vor allem während der Brutzeit, sie zu verscheuchen.
Kurz: Es ist unterhaltsam, diese «Flugkörper» über uns beobachten zu können. Und wir haben Glück, dass das, was bei uns herumfliegt, so harmlos ist und keinen Schaden anrichtet.