Ist Philosophie nützlich?
Bei einem zeitgenössischen Autor (Poschenrieder) stiess ich unlängst auf die etwas abfällige Bemerkung: «Philosophen und andere Studierende des Nutzlosen.» Mit seinem Urteil, dass Philosophie nutzlos sei, steht dieser Mann nicht allein da. Diese Meinung zieht sich durch die Jahrhunderte hindurch.
Schon Thales von Milet (625–547 vor Christus), der zu den ersten Philosophen der Geschichte zählt, wurde damit konfrontiert. Seine Magd lachte ihn aus, als er – den Sternenhimmel beobachtend – in einen Brunnen fiel. Sie soll dazu gesagt haben: «Du suchst das Fernste und bist beim Nächsten ungeschickt.» Da ist wirklich etwas dran. Die Kritiker der Philosophie haben nicht ganz unrecht.
«Bekanntlich stellen sogar Kinder philosophische Fragen.»
Aber, so muss man weiterfragen, warum gab es überhaupt Philosophen, und warum gibt es sie immer noch? Bekanntlich stellen sogar Kinder philosophische Fragen. Ein Beispiel meiner Tochter. Ich glaube, sie war etwa vier Jahre alt. Beim Betrachten eines Fotos, auf dem meine Frau mit ihr schwanger war, stellte sie plötzlich die Frage: «Wo war ich als ich noch nicht in ihrem Bauch war?» Eine wichtige, existenzielle Frage, auf die wir keine Antwort haben, die uns aber unter anderem aufzeigt, wo unsere Grenzen sind.
Nun kann man sich fragen: Ist diese Fragerei nützlich oder doch nur Zeitverschwendung? Ich versuche zu antworten. Wenn man Nützlichkeit mit dem Wohlergehen der Betroffenen in Verbindung bringt, dann ist jegliche Grenzerfahrung durchaus nützlich. Ob wir staunen über das, was wir alles nicht beantworten können, oder ob wir es Grenzerfahrung oder Bewusstseinserweiterung nennen, ist eigentlich egal. Philosophie und ihre Fragen hilft uns, gedanklich wach zu bleiben. Dabei sind die Fragen wichtiger als die Antworten. Die Antworten sind meistens sehr persönliche Versuche, sich der Wahrheit anzunähern.
Ob das jetzt nützlich ist, muss jeder für sich beantworten.
Das Fragen kann für den einen bereits einen Wert und damit einen Sinn haben und somit nützlich sein. Für einen anderen zählt mehr der Zweck des Handelns. Für ihn ist dann etwas nützlich, wenn es ihn seinem Ziel nähergebracht hat. Für mich war es beispielsweise nützlich, das hier niederzuschreiben. Ob das Lesen dieser Zeilen für Sie auch nützlich war, müssen Sie für sich entscheiden.