Grün, grüner, Mljet!

Tobias Stepinski

Dichte Kiefernwälder, zwei Salzwasserseen und kaum ein Motorengeräusch: Mljet ist anders als die grossen Namen der Adria. Ein Besuch auf einer der grünsten Inseln im Mittelmeer – und bei einem Gastgeber, dessen Grossvater schon hier lebte.

Der Krilo Jet, ein schneller Katamaran der kroatischen Reederei Krilo Kapetan Luka, gleitet mit gegen vierzig Knoten über die Adria. An Bord ist es stark heruntergekühlt, unsere Körper noch auf Hitze eingestellt – wir frieren ein wenig. Doch Land ist in Sicht. Von Dubrovnik aus taucht am Horizont bald eine kleine grünliche Insel auf. Ohne Blick auf die Karten-App wissen wir: Das muss Mljet sein. Keine andere Insel kann so grün sein. Kurze Zeit später legen wir in Pomena an, ganz im Westen – dem Herzstück der Insel am nächsten: dem Nationalpark.

Schon nach den ersten Metern wird klar, dass hier etwas anders läuft als bei den grossen Namen der kroatischen Adria. Kein Gedränge wie in Dubrovnik, keine Partymeile wie auf Hvar, kein Trubel wie in Split. Die Insel ist rund 37 Kilometer lang und an der breitesten Stelle kaum mehr als drei – 90 Prozent sind bewaldet, eine der grünsten im ganzen Mittelmeer.

Schon sein Grossvater lebte hier

Joško Hajdić, der Gastgeber unserer Unterkunft, ist hier aufgewachsen. Sein Haus hat die Familie selbst gebaut, Anfang der Neunzigerjahre. Er und seine Frau Janna sind ausgesprochen aufgestellt: Zur Begrüssung ziehen sie gleich eine alte Papierkarte hervor und markieren mögliche Ausflüge und Aktivitäten. Er kennt die Insel blind. Kein Wunder, schon sein Grossvater lebte hier. «Wir sind aus Goveđari hierhergezogen. Alle hier kommen aus Goveđari», sagt er und deutet in Richtung des Dorfes im Nationalpark. Zur Ausbildung war er auf dem Festland, in Dubrovnik und Split, wie so viele junge Menschen der Insel. Dann kam er «aus Liebe» zurück.

Überhaupt leben auf Mljet nicht viele Menschen: Auf der ganzen Insel sind es nur rund 1100, verteilt auf zahlreiche kleine Siedlungen, die meisten davon im Landesinnern. Hauptort ist Babino Polje im Zentrum. Pomena dagegen, wo wir angelegt haben, ist kaum mehr als ein kleines Fischerdorf am Rand des Nationalparks.

 

«Im Sommer ist es geschäftig, im Winter ist niemand hier.»

Joško Hajdić, Bewohner von Mljet

 

Der Winter ist zum Abschalten da

Heute lebt Joško hier mit seiner Frau Janna, die ursprünglich aus den Niederlanden stammt, und den gemeinsamen Kindern. Sie erwartet Nachwuchs. Auf unsere Frage, wie sich das Leben auf einer solchen Insel anfühlt, antwortet er ohne Zögern: «Im Sommer ist es geschäftig, wir haben täglich etwas zu tun, und im Winter ist niemand hier.» Neben der Unterkunft bieten die beiden auch Touren an, etwa durch die Olivenhaine der Insel. Es klingt nicht wie eine Klage – im Winter geniesst er mit seiner Familie dann auch die Ruhe. Der Winter sei ohnehin angenehm. «Wir haben ein mediterranes Klima. Das bedeutet einen regnerischen, aber warmen Herbst und keinen besonders kalten Winter. Die Temperaturen liegen über zehn Grad.»

Für die Kinder sei die Insel ein guter Ort. Sie könnten schwimmen, im Garten spielen, zwischen den Olivenbäumen herumtollen. «Die haben eine gute Kindheit», sagt Joško. Nur eines fehle: «Es gibt nicht viele Kinder, das ist das Problem.» Auf andere Kinder treffen sie unter anderem in der Schule – und die liegt im Hauptort Babino Polje, eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt.

Dass die Insel überhaupt so grün ist, hat einen einfachen Grund: Während die Wälder an der übrigen Adriaküste über Jahrhunderte abgeholzt und erst ab dem 19. Jahrhundert wieder aufgeforstet wurden, blieb jener im Westen von Mljet durchgehend erhalten. Zusammen mit dem milden, feuchten Klima und dem frühen Schutz – seit 1960 Nationalpark – erklärt das die dichten Kiefern- und Eichenwälder. Entsprechend artenreich ist die Natur: Rund 30 Orchideenarten gedeihen hier.

Salzwasserseen als Highlight

Am ersten Tag geht es mit dem Velo direkt in den Nationalpark. Unsere Räder mieten wir günstig bei den Gastgebern, in Pomena gäbe es auch E-Velos – nötig ist das kaum, nur die Strasse zum Park steigt kurz an, der Rest ist flach. Wer lieber wandert, findet rund 200 Kilometer Wanderwege. Der Park bildet den Westen der Insel, in ihm liegen die beiden Salzwasserseen Veliko und Malo jezero. Sie sind über einen schmalen Kanal mit dem Meer verbunden, und genau das macht sie besonders: Es ist Meerwasser, aber es liegt da wie ein Binnengewässer, windgeschützt und klar, umrahmt von Wald bis ans Ufer. Beide Seen sind rund 10 000 Jahre alt und waren einst Süsswasserseen, bis der steigende Meeresspiegel sie mit der Adria verband.

Ein Hinweis für alle, die im Hochsommer Abkühlung suchen: Die Seen liefern sie nicht immer. Weil das Wasser flach und geschützt liegt, heizt es sich über die Wochen so weit auf, dass ein Sprung hinein eher lauwarm als erfrischend ausfällt. Und salzig ist es, weil immer noch mit dem Meer verbunden.

Schwitzen für die beste Aussicht

Die Seen mit dem Velo zu umrunden, ist die vielleicht schönste Art, den Park zu erleben. Der Weg führt dicht am Ufer entlang, mal im Schatten der Pinien, mal öffnet sich der Blick aufs Wasser. In der Mitte des grossen Sees liegt die kleine Insel St. Mary, auf der seit dem 12. Jahrhundert ein Benediktinerkloster steht – eine der ältesten Anlagen dieser Art in der Adria und, denken wir, eine schöne Hollywood-Filmkulisse. Motorengeräusche sind Fehlanzeige, nur ab und zu kommt uns ein Velofahrer entgegen oder ein Wägeli, das ­einen im Park herumfährt. Am zweiten Tag lassen wir die Velos stehen und steigen zu Fuss hinauf auf den Montokuc, mit 253 Metern der höchste Punkt im Westen des Parks. Der Weg führt durch dichten Wald, immer wieder warnen Schilder vor Wildschweinen – zum Glück sind die meisten von ihnen nachtaktiv. Bei der Sommerhitze ist der Aufstieg eine schweisstreibende Angelegenheit. Doch oben werden wir belohnt: Der Blick reicht über den ganzen Nationalpark, die beiden Seen liegen türkis zwischen dem Grün, und dahinter erstrecken sich die vorgelagerten Inseln der Adria. Die vielleicht schönste Aussicht der Insel.

Sauber wie in der Schweiz

Der Eintritt in den Nationalpark kostet rund dreissig Euro pro Person. Auf den ersten Blick ist das happig, und beim Bezahlen zögern wir kurz. Wer mehrere Tage bleibt, zahlt aber nicht jedes Mal neu – das Ticket gilt entsprechend länger. Im Park selbst weiss man, wofür man zahlt: Überall sind Ranger und Angestellte, die einem weiterhelfen und fragen, wohin man möchte, und kein Fötzel liegt auf dem Boden – es ist sauber wie in der Schweiz.

Am Ende bleibt der Eindruck einer Insel, die einen Balanceakt schafft, an dem andere Tourismusorte am Mittelmeer und in Kroatien gescheitert sind. Mljet lebt vom Tourismus, und trotzdem hat es seine Ruhe und seine Natur bewahrt. Ob er irgendwann trotzdem aufs Festland ziehen möchte? Man solle niemals nie sagen, meint Joško, aber aktuell sei das überhaupt nicht geplant. «Diese Insel ist ein Traum», sagt er lachend.

Mehr über die Insel erfahren: www.tasteofanisland.com