Gedankensplitter: Wozu sind wir auf Erden?
Von meinem Wohnzimmer aus sehe ich auf einen kleinen Abhang, in dessen Gestrüpp sich ein Fussball verfangen hat. So einer mit schwarz-weissen Flecken. Das Besondere daran ist, er liegt schon seit Wochen da unten. Es vermisst ihn niemand.
Diese Frage wurde mir als Kind gestellt. Sie stand im Katechismus, und der lieferte auch gleich die Antwort: «Um Gott zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.» Unser Pfarrer – ausgebildete Katecheten gab es damals noch nicht – versuchte, uns Schülern solche Katechismussätze zu erklären. Ich weiss nicht, wie erfolgreich er dabei war. Für mich, wenn ich zurückblicke, war es ein reines Auswendiglernen der Fragen und Antworten, die im damaligen Religionsunterricht behandelt wurden.
Wenn man auch über die hier erwähnte Antwort des Katechismus streiten kann, so scheint mir vor allem die Frage, wozu wir auf Erden sind, bedeutsam. Seit dem Philosophen Kierkegaard (gest. 1855) wissen wir allerdings, dass man solche existenziellen Fragen besser in der Einzahl stellt. Statt «Wozu sind wir auf Erden?» lautet die gleiche Frage eindringlicher: «Wozu lebe ich?»
Vermutlich haben wir uns alle schon mal diese Frage gestellt. Und vermutlich ist es gar nicht so einfach, darauf eine Antwort zu finden. Und nochmals vermutlich: Jeder findet für sich eine andere Antwort.
«Für mich hat sich die Antwort im Laufe meines Lebens sehr geändert.»
Für mich hat sich die Antwort im Laufe meines Lebens sehr geändert. Ich ziehe es vor, Gott, von dem wir nicht wissen, ob es ihn gibt, lieber beiseite zu lassen und dafür den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. So, wie ich die heutigen Theologinnen und Theologen kenne, würden sie das Gleiche tun.
In der Kindheit war ich eher egozentrisch. Es drehte sich vieles um mich. Dann wurden die neu gegründete Familie und der Beruf sehr wichtig. Und jetzt habe ich praktisch keine Verpflichtungen mehr. Und wozu lebe ich heute? Die alten Antworten sind verblasst und verlieren ihre Bedeutung. Und trotzdem bin ich überzeugt, es gibt ein Wozu. Da könnte Gott wieder ins Spiel kommen. Ich ziehe es aber vor, lieber vom grossen Geheimnis unseres Lebens zu sprechen. Wir erahnen es, reden viel darüber, ohne es je ergründen zu können. Damit kann ich gut leben.