Gedankensplitter: Gewissenhaft

Jeder Mensch hat ein Gewissen. Was jedoch den Inhalt des Gewissens betrifft oder das, was das Gewissen jeweils sagt, da sind wir verschieden.

Wer als gewissenhaft eingestuft wird, darf das als Kompliment auffassen. Vielleicht nicht überall in der Welt, aber sicher bei uns. Es gibt Berufe, beispielsweise den Buchhalter, die sind auf gewissenhafte Menschen angewiesen. Ich war zuerst auch versucht, die Banker zu diesen gewissenhaften Menschen zu zählen, aber das würde für die nicht zutreffen, die sich auf gewagte Geschäfte einlassen und ihren Kunden mehr schaden als nützen. Darum lasse ich es sein. 

Die Fähigkeit, ein Gewissen auszubilden, ist uns angeboren. Die Inhalte dagegen werden uns zunächst von unseren Erziehern beigebracht, dann müssen wir sie aber selber verantworten. Diese Inhalte können sich im Laufe unseres Lebens auch ändern.

 

«Die Inhalte des Gewissens werden uns zunächst von unseren Erziehern beigebracht, dann müssen wir sie aber selber verantworten.»

Friedjung Jüttner, Dr. phil., Psychotherapeut

 

Als Kind, kurz nach dem Krieg, stahl ich viel und war stolz, wenn ich etwas Brauchbares nach Hause brachte. Meistens war das etwas zum Essen oder Heizen. Wir sagten dem auch nicht Stehlen, sondern Organisieren. Statt spielen musste ich organisieren. Schlechtes Gewissen hatte ich, wenn ich doch gespielt oder getrödelt hatte und nichts Rechtes nach Hause brachte. Heute hat das Wort «organisieren» für mich wieder die gängige Bedeutung zurückgewonnen.

Halten wir fest: Die Stimme des Gewissens ist etwas ganz Persönliches, sie kann sehr locker, aber auch sehr streng sein. Die Menschen mit dem lockeren Gewissen haben es im Leben etwas leichter, vermutlich auf Kosten ihrer Umwelt. Die mit dem strengen Gewissen machen sich das Leben schwer. Ich kenne da ein tragisches Beispiel: Ein Mann, etwa 40 Jahre alt, fand auf dem Trottoir einen Franken. Statt sich darüber zu freuen und die Münze im Portemonnaie zu versorgen, ging er zum Fundbüro und gab den Franken ab. Die Dame im Fundbüro wusste nicht recht, was sie mit diesem Geldstück machen sollte, und legte es dann in ihre Kaffeekasse. Unser Mann musste sein Gewissen erleichtern, bevor er nach Hause gehen konnte. Man kann sich fragen: War er nur sehr gewissenhaft oder war er schon krank? Seine Frau hatte ihn übrigens schon vor Jahren verlassen, weil er ihr zu gewissenhaft war. Das kann ich gut verstehen.

Nun sollte ich Ihnen auch noch ein Beispiel bringen, bei dem jemand zu wenig Gewissen hat. Aber das schenke ich mir. Schlagen Sie einfach Ihre Tageszeitung auf; dort werden Sie schnell fündig.