Gedankensplitter: Es stimmt
Auf einer Postkarte, mit der ein bekannter Verlag von Zürich auf sich aufmerksam machen möchte, lese ich folgenden Satz: «Es stimmt, dass nichts mehr stimmt.» Ist der Satz richtig oder falsch?
Wenn nichts mehr stimmt, dann ist der erste Teil dieses Satzes falsch. Und wenn der erste Satzteil (es stimmt) wirklich stimmt, dann ist der Rest des Satzes falsch, weil ja dieser Satz stimmt. Das ist ein nicht aufzulösender Widerspruch. Mit diesem Problem haben sich schon die Philosophen, vor allem die Logiker der antiken Griechen, herumgeplagt.
«Wahrheit und Lüge, oder richtig und falsch, sind an Sprache gebunden und können damit ihre Eindeutigkeit schnell mal verlieren.»
Einer von ihnen nannte das Problem «Lügner-Paradox». Da ging es um Sätze wie: «Jeder Mensch ist ein Lügner.» Oder: «Dieser Satz ist falsch.» Das gleiche meint folgender Satz: «Alles, was ich sage, ist falsch.» Das kann wahr oder falsch sein. Je nachdem, wie man es verstehen will.
Ich sehe mich ausserstande, dieses sprachliche oder philosophische Problem zu lösen. Es gibt aber einige Lösungsversuche, mit denen ich Sie hier nicht behelligen möchte. Auf was ich aber aufmerksam machen will, ist die Tatsache, dass Wahrheit und Lüge, oder richtig und falsch, an Sprache gebunden sind und damit ihre Eindeutigkeit schnell mal verlieren können.
Wir haben alle schon mal gelogen. Und wenn man gewissen Wissenschaftern glauben darf, dann lügen wir sogar täglich mehrmals. Wenn Sie einen Bekannten treffen und er Sie fragt: «Wie geht’s?», sagen Sie vielleicht auch nicht immer die Wahrheit. Aber Ihre Antwort: «Danke, gut», auch wenn sie nicht ganz stimmt, ist eine Bagatelle im Vergleich zu Aussagen von gewissen Politikern. Die können lügen, dass sich die Balken biegen. Ohne Scham, ohne Gewissen. Sie versuchen von eigenen Untaten abzulenken und die Welt in die Irre zu führen, ohne Rücksicht auf Verluste. Der Verlust der eigenen Glaubwürdigkeit ist ihnen egal. Denn den kompensieren sie mit einem machtgestützten Selbstbewusstsein. Jede Lüge, die gern anderen ein Versagen vorwirft, beweihräuchert ihre eigene Selbstherrlichkeit. Ob sie auch schon mal nachgedacht haben über den Satz: «Alles, was ich sage, ist falsch.»