Freigespielt
In seiner Jugend hatte Fabba mit Einsamkeit zu kämpfen. Sein einziger Trost: die Musik von Red Hot Chili Peppers und John Frusciante.Mit 15 beschliesst er: Er wird auch Musiker. Eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte.
«Bianggg, Bionggg, Bionggg!», hallt es aus den Lautsprecherboxen, wenn der Klotener Fabian Moor alias Fabba die Saiten seiner Gitarre zum Singen bringt. Scheinbar mühelos fliegen seine Finger über das hölzerne Griffbrett seines Instruments – auf und ab, auf und ab. Mit jedem neuen Anschlag nickt sein Kopf, wippt sein Körper, Haare fliegen, Dreadlocks hinterher.
«Wooohhh!», hallt es durch die Menge. Hunderte Zuschauer wippen, hüpfen und tanzen im Takt von Fabbas Solo – es scheint, als jage der Sound seiner Gitarre immer neue Wellen von Endorphinen durch ihre Körper. In diesem Moment fühlt Fabba eines ganz besonders: Verbundenheit.
Jenes Gefühl, das er einst schmerzlich vermisste und das ihn überhaupt erst zur Musik gebracht hat. «Ich war sehr einsam», sagt Fabba rückblickend. «Ich hatte kaum Freunde, habe mich nicht verstanden gefühlt. Die Welt um mich herum war ein dunkler und böser Ort.» Er sei gemobbt worden. Nächtelang habe er weinend in seinem Zimmer verbracht und Musik gehört: Red Hot Chili Peppers oder John Frusciante. Sein Zimmer in Kloten, in dem er sich nachts auf Kopfhörern der Musik hingab, war eine Insel der Zuflucht inmitten eines dunklen Ozeans aus Angst, Ohnmacht und Trauer. «Über die Musik konnten meine Gefühle rausfliessen.» Fabba spricht von einer inneren Reise, auf die er sich regelmässig begab.
Zu dieser Zeit war er gerade 15 Jahre alt. Ans Musikmachen dachte er damals nicht. Bis zu jenem Tag, er erinnere sich noch genau daran, so Fabba: «Ich stand am Bahnhof Kloten, als ich die Eingebung hatte. Die Musik gab mir so viel. Ich realisierte, dass es meine Lebensaufgabe ist, dasselbe Gefühl auch in anderen auszulösen. Musik zu erschaffen, die anderen Menschen hilft, Zuflucht und Trost zu finden.» In diesem Moment war für Fabba klar: Er möchte Musiker werden.
Musik statt Hausaufgaben
Und so drehte sich sein Leben fortan nur noch um Gitarre, Gesang und Songtexte: «Ich habe zum Teil die Schule geschwänzt, keine Hausaufgaben gemacht, weil ich nur noch Musik machen wollte.» Er spielte Gitarre und lernte singen. Schnell begann er seine ersten eigenen Songs zu schreiben. «Es ging nur um Emotionen. Ich hatte kein Interesse an Theorie, das wäre zu viel gewesen. Ich wollte mich nur auf meine Gefühle konzentrieren. Sie sollten rauskommen dürfen, so wie sie waren», so Fabba.
Sein ganzes Geld steckte er in professionelle Tonaufnahmen. Nach drei Jahren war sein erstes Album fertig: «Defloration» (Entjungferung) – Songs wie «I don’t believe it’s true», «Why?» oder «I search my soul» erzählen von der Fortsetzung seiner inneren Reise durch die Dunkelheit seiner Welt. Die Texte darin bezeichnet Fabba als eine Art Selbsttherapie. «Defloration» war zugleich seine Abschlussarbeit an der Schule – und auch ein Moment, in dem er den einen Teil des Schmerzes seiner Jugend hinter sich lassen konnte.
Noch während seiner Schulzeit begann Fabba für mehrere Schweizer Lokalzeitungen und Kulturmagazine zu schreiben. «Ich habe Musiker interviewt und über Konzerte geschrieben.» Die Arbeit brachte ihm neben einem kleinen Verdienst auch wertvolle Kontakte zu Musikern. «Ich wurde überall unterstützt und gefördert. Ich war noch sehr jung, aber die Leute fanden es mutig, wie ich meinen Weg ging.» Mehr und mehr fasste er wieder Vertrauen in die Welt, die ihm Jahre zuvor noch so dunkel und feindselig erschien. Er startete einen Podcast für den Schweizer Konzertveranstalter Universal Sounds. Musikgrössen wie der ukrainische Gitarrist Estas Tonne oder das Percussion-Duo Hang Massiv waren dort bereits zu Gast.
In der Zwischenzeit entstand sein zweites Album «Embryo». Der Song «Master/Slave» ist für Fabba bis heute sein erfolgreichster. Mehr als 10 000 Streams verzeichnet er auf der Videoplattform YouTube. Ebenfalls auf dem Album ist der Song «Shoot Me!». Er sei massgeblich für die Entwicklung seines Gitarrenspiels gewesen, so Fabba. «Ich spiele parallel eine Basslinie und die Melodie – das hat lange gedauert, das zu üben.»
Kein Chef, aber ein Buch
Kreativität ist für Fabba dabei nicht nur auf die Musik beschränkt. Bis heute schreibt er Kurzgeschichten, die er in Schweizer Tageszeitungen veröffentlicht. Vor fünf Jahren brachte er zudem sein erstes eigenes Kurzgeschichtenbuch heraus: «Wie der kleine Gutsch die Welt verändert» – eine kindliche Utopie, in der das mit scheinbar grenzenloser Lebensenergie ausgestattete Fantasiewesen Gutsch in sieben kleinen Abenteuern die Welt zu einem besseren Ort macht.
Das Buch wie auch seine Musik veröffentlicht Fabba unter seinem Label «Freelancer-Fabba». «Ich habe noch keinen einzigen Tag in meinem Leben unter einem Chef gearbeitet.» Fabba lebt den Begriff des Freelancers konsequent: «Alles, was ich gemacht habe, stand immer unter der Frage: Dient es meinem Weg als Musiker?», so der 32-Jährige. Weil er im Sommer viel auf Festivals spielt, lebt er in den Sommermonaten in seinem mattgrünen Fordcamper.
«Die Mühle der Fülle»
Vor rund vier Jahren gründete er mit mehreren Freunden und Freundinnen zusammen eine Genossenschaft, die ein ländliches Anwesen in den Vogesen in Frankreich kaufte. Gemeinsam schufen sie «Le Moulin d’Abondance» – die Mühle der Fülle. Ein nachhaltig bewirtschafteter Ort der Begegnung, des Lernens und der Erholung. Ein «Four-Seasons-Projekt», wie Fabba es nennt. «Im Frühling und im Herbst kommen Urlaubsgäste zu uns – wir stellen ihnen ein auf sie angepasstes Urlaubsprogramm zusammen. Sauna, Massage, Musiklektionen, Ecstatic-Dance-Konzerte, Fahrradtouren und die Möglichkeit, tollen Künstlern und Künstlerinnen zu begegnen und mit ihnen Musik zu machen.»
Im Sommer sei die Mühle Austragungsort für Festivals, Konzerte und andere Events. «Und im Winter kommen vor allem Künstler zu uns. Wir bieten ihnen einen Raum, um an ihren Projekten zu arbeiten, wir kochen für sie und sorgen für alles, sodass sie sich voll und ganz auf ihre Kunst konzentrieren können», so Fabba. Die letzten zwei Jahre habe er viel Zeit in dieses Projekt gesteckt. Mittlerweile sind rund 30 Menschen an der Genossenschaft beteiligt und die Mühle trage sich selbst.
Und so kann sich Fabba wieder mehr auf seine Musik konzentrieren. «Die letzten zehn Jahre habe ich mich fast nur noch an meinem Gitarrenspiel und Gesang geübt. Ich wollte improvisieren können und meine Skills entwickeln, habe viel an Instrumentalstücken gearbeitet.» Liedtexte habe er kaum noch geschrieben. «Häufig denke ich: Wenn du gut genug bist an der Gitarre, kannst du wieder anfangen zu schreiben. Aber vielleicht sollte ich es einfach mal wieder tun.» Kürzlich habe er den «Song for the Earth» geschrieben. Ein simples Lied für die Elemente, die Dankbarkeit und die Verbindung mit Mutter Erde. «Das, was ich in Zukunft schreiben werde, wird sich mehr um die Themen Dankbarkeit und Lebensfreude drehen», so Fabba.
Mit Musik das Leben meistern
Von Trauer, Schmerz und Selbstmitleid zu Lebensfreude und Dankbarkeit: Es ist diese Entwicklung, die treffender wohl nicht beschreiben könnte, welchen Einfluss die Musik auf Fabbas Leben hatte.
An diesem Abend steht Fabba noch lange neben der Konzertbühne und geniesst den Austausch mit den Zuschauern und den Musikern. 13 Minuten lang haben sie seinen «Song for the Earth» mitgesungen und getanzt. Dass Fabba an diesem Abend mit fünf anderen Musikern zusammen auf der Bühne stehen würde, war dabei überhaupt nicht geplant. Die für den Hauptact eingeplanten Künstler hatten überraschend abgesagt, und so hat der Veranstalter am Morgen des Konzerts spontan eine Band «gegründet». Eineinhalb Stunden probten sie vor dem Auftritt. «Wir waren sechs Musiker – jeder gab, was er geben konnte», so Fabba. Das Ergebnis: «Es war einfach nur magisch!»
Wenn Fabba spielt, spielt der ganze Körper mit: der Musiker bei einem Auftritt an einem Festival. Bilder ZVG
«Ich habe noch keinen einzigen Tag in meinem Leben unter einem Chef gearbeitet.»
Will mit seiner Musik anderen Trost geben: Fabian Moor, 32.