Ein Wechselbad der Gefühle
Wie geht man als Angehöriger damit um, wenn ein Mensch entscheidet, sein Leben zu beenden? In «Paps letzter Weg» schildert Yvonne Hartmann-Hirt die letzten Monate mit ihrem Vater und verbindet die Geschichte mit einem Ratgeber.
Vor fünf Jahren erhielt der Vater von Yvonne Hartmann-Hirt die unerwartete Diagnose Blasenkrebs. Nach einer ersten Operation war die Familie zunächst zuversichtlich. Doch bald zeigte sich, dass die Erkrankung weiter fortgeschritten war als ursprünglich angenommen. In den folgenden sechs Monaten verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Schliesslich wurden auch Hirnmetastasen festgestellt, die ihn stark einschränkten.
Als ihr Vater den Wunsch äusserte, sein Leben selbstbestimmt beenden zu können, stand Yvonne Hartmann-Hirt vor einer schwierigen Situation. Sie nahm Kontakt mit der Sterbehilfeorganisation EXIT auf, um sich über die Möglichkeiten und Voraussetzungen zu informieren. Aus diesem Gespräch ergaben sich die nächsten Schritte, und sie organisierte den entsprechenden Antrag für ihren Vater.
Ambivalente Gefühle
Der Sterbewunsch ihres Vaters löste bei Yvonne Hartmann-Hirt widersprüchliche Gefühle aus. «Einerseits wollte ich meinen Vater nicht verlieren, andererseits konnte ich seinen Wunsch verstehen. Ich war hin- und hergerissen und hatte unzählige Fragen. Wie läuft eine Freitodbegleitung ab? Was kommt auf meinen Vater und auf uns als Angehörige zu? Bei meiner Suche nach Antworten stiess ich im Internet auch auf beängstigende und widersprüchliche Berichte, die ich nicht einordnen konnte. Das verstärkte meine Unsicherheit zusätzlich.»
Da ihr Vater noch kein Mitglied bei EXIT war, galt für ihn damals eine einmonatige Wartefrist. Diese Zeit nutzte Yvonne Hartmann-Hirt, um die erforderlichen medizinischen Unterlagen zusammenzutragen. Schliesslich fand ein erstes Gespräch zwischen ihrem Vater und einer Sterbebegleiterin statt. Diese kam zunächst zum Schluss, dass er für den letzten Schritt noch nicht bereit war. «Mein Vater war ein unglaublich positiver Mensch. Sein Gesundheitszustand schwankte stark, und über jede noch so kleine Verbesserung freute er sich und schöpfte neue Hoffnung.»
Der Entschluss steht fest
Kurz vor seinem 79. Geburtstag verschlechterte sich der Gesundheitszustand ihres Vaters erneut. Durch die Hirnmetastasen war seine rechte Hand zunehmend beeinträchtigt. Er konnte nicht mehr schreiben und viele alltägliche Dinge kaum noch selbst erledigen. Für den ehemaligen Typografen war das besonders schwer. Da er nicht mehr im Spital bleiben konnte, gleichzeitig aber zu pflegebedürftig für eine Betreuung zu Hause war, wurde er in einem Pflegeheim untergebracht.
Nach dem Tod entsteht ein Buch
«Eines Morgens rief er mich völlig aufgelöst an und bat mich, sofort zu ihm zu kommen und die Sterbebegleiterin zu kontaktieren. Er sagte, dass er jetzt bereit sei», erinnert sich Yvonne Hartmann-Hirt.
Es war ein Montag, als ihr Vater seinen endgültigen Entschluss mitteilte. Bereits am Donnerstag sollte die Freitodbegleitung stattfinden. «Zu wissen, dass mein Vater in wenigen Tagen sterben würde, war für mich kaum auszuhalten. Mein Bruder und ich verbrachten in dieser Zeit jede freie Minute bei ihm.» Es fanden Gespräche mit einer Pfarrerin statt, und ihr Vater regelte selbst die Einzelheiten seiner Beerdigung. Auch beim Abschied waren seine Kinder anwesend. «Wir waren bei ihm, als er starb. Alles verlief ruhig und friedlich», erinnert sich Yvonne Hartmann-Hirt. Anschliessend erfolgten die vorgeschriebenen behördlichen Abklärungen.
Nach dem Tod ihres Vaters begann Yvonne Hartmann-Hirt, ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Anfangs war das Schreiben vor allem eine Möglichkeit, ihre Trauer und die vielen widersprüchlichen Gefühle zu verarbeiten. Doch schon bald entstand daraus die Idee für ein Buch. «Zunächst wusste ich nicht, ob ich die Geschichte meines Vaters oder meine eigene erzählen wollte. Ein Schreibcoach gab mir schliesslich den entscheidenden Impuls: Unsere persönliche Geschichte sollte den roten Faden bilden, ergänzt durch hilfreiche Informationen und praktische Tipps für Angehörige.»
So entstand «Paps letzter Weg», eine Verbindung aus persönlicher Erzählung und sachlichem Ratgeber. Neben Informationen zu rechtlichen Grundlagen, dem Ablauf einer Freitodbegleitung und dem Umgang mit Trauer enthält das Buch Checklisten, ein Glossar, Hinweise auf Anlaufstellen sowie Interviews mit einer Sterbebegleiterin und einer reformierten Pfarrerin. «Ich wollte ein Buch schreiben, das ich damals selbst gebraucht hätte», sagt Yvonne Hartmann-Hirt. «Eines, das Angehörigen Orientierung gibt, praktische Fragen beantwortet und ihnen zeigt, dass auch widersprüchliche Gefühle ihren Platz haben dürfen.» Dabei gehe es ihr nicht darum, die Sterbehilfe grundsätzlich zu befürworten oder abzulehnen. Im Mittelpunkt stehe vielmehr die Frage, wie Angehörige einen geliebten Menschen begleiten können, der diesen Entscheid bereits getroffen hat.
Besonders belastend sei für sie das Wissen um den bevorstehenden Todestag gewesen. Gleichzeitig erinnere sie sich an die positive Lebenseinstellung ihres Vaters: «Er war ein Kämpfer und schöpfte aus jeder noch so kleinen Verbesserung neue Hoffnung. Diese Zuversicht habe ich an ihm immer bewundert.»
Mit «Paps letzter Weg» möchte Yvonne Hartmann-Hirt anderen Angehörigen Orientierung, Verständnis und das Gefühl mitgeben, mit ihren Fragen und Ängsten nicht allein zu sein. «Ich kann niemandem die schwierigen Gefühle abnehmen. Aber wenn mein Buch einem Menschen hilft, diesen Weg etwas besser zu verstehen und zu bewältigen, dann hat sich das Schreiben gelohnt.»
Yvonne Hartmann-Hirt: «Paps letzter Weg – Was Angehörige wissen sollten, wenn ein Mensch Sterbehilfe wählt». Edition Zisar (Arisverlag), ISBN 978-3-907806-04-3.