Dr. Gamble: Immer der Linie nach
Nicht jeder ist mit dem zeichnerischen Talent Da Vincis geboren. Doch auch ohne muss man bei «Krakel Orakel» keine Angst davor haben, seine Bilder zu präsentieren. Das kooperative Zeichenspiel zwingt alle, Begriffe eher krude und verzerrt zu Papier zu bringen.
Gespielt wird gemeinsam. In jeder Runde erhält jeder einen abwischbaren Stift und ein zweiseitiges Tableau mit allerlei gestrichelten Linien. Ausserdem erhält man verdeckt ein Begriffskärtchen. Auf ein Startsignal zeichnen alle diesen Begriff – müssen sich aber dabei an die vorgegebenen Linien als Grundgerüst halten. Buchstaben oder Zahlen sind verboten, aber man darf sein Tablet drehen und wenden, wie man will.
Ist die Zeit abgelaufen, legen alle ihr Kunstwerk vor sich ab. Alle Begriffskärtchen werden eingesammelt. Nun werden noch einmal so viele Karten wie Spieler dazugemischt und danach ausgelegt, sodass nun doppelt so viele Begriffe sichtbar sind wie Spieler.
Reihum muss jetzt jeder Spieler eines der ausliegenden Kärtchen umdrehen. Damit schliesst er diesen als einen der gezeichneten Begriffe aus. Dabei dürfen sich alle anderen weder äussern noch irgendwie reagieren – auch wenn das durchaus schwerfällt. Nach dem Letzten in der Runde wird nun überprüft: Für jeden falsch ausgeschlossenen Begriff kassiert die Gruppe einen Fehler.
«Wie sollen die anderen meinen ‹Regenwurm› von ‹Spaghetti› unterscheiden?»
Dann beginnt die nächste Runde – wobei vorher noch die Tableaus untereinander ausgetauscht werden, sodass jeder immer eine neue Vorlage bekommt. Nach vier Runden folgt dann die Schlussabrechnung: Hat man maximal so viele Fehler gemacht, wie Spieler am Tisch sitzen, gewinnt die Gruppe das Spiel.
Dr. Gamble meint: Auf den ersten Blick scheint «Krakel Orakel» gar nicht so innovativ: «Montagsmaler» mit kleinen Einschränkungen, könnte man meinen. Aber wie herausfordernd es sein kann, plötzlich runde Objekte zeichnen zu wollen, wenn partout keine auch nur annähernde Kreisform auf dem vorgezeichneten Gekritzel zu finden ist, merkt man spätestens, wenn man Begriffe wie «Riesenrad», «Orangensaft» oder «Globus» zeichnen soll. Zum Glück hat das Tableau mit Vor- und Rückseite zwei verschiedene Krakelvorlagen. Im Wirrwarr und unter Zeitdruck dann die passenden Linien zu finden, kann je herausfordernd sein. Doch dem nicht genug: Wenn am Ende per Zufall noch ähnliche Begriffe dazugemischt werden, wie sollen die anderen meinen «Regenwurm» von «Spaghetti» unterscheiden? Bei der Auflösung ist es spannend, zu sehen, wie andere ihre Herausforderungen gelöst haben. Vor allem, wenn eine wortreiche Erklärung das unförmige Gekritzel plötzlich klar erscheinen lässt. Spannend, wie kreativ man beim Malen mit Einschränkung plötzlich wird! Auf den Kärtchen gibt es einfache und schwere Begriffe, sodass Geübte sich stärker fordern können. Tendenziell wird das Spiel bei grösserer Spielerzahl schwieriger, was aber eher zum Spass beiträgt. Etwas mehr Begriffe hätten durchaus im Lieferumfang dabei sein können, doch dafür gibt es ja dann Erweiterungen. Ein gelungenes Partyspiel für die ganze Familie mit witzigem Kniff, um sich von anderen Zeichentiteln abzuheben. Verdient wurde es letztes Jahr als «Spiel des Jahres» nominiert.
Dr. Gambles Urteil: 4/5
«Krakel Orakel» von Die 7 Bazis, Frechverlag, 2–8 Spieler, ab 10 Jahren