Die Desperados von Glattbrugg
Während sich an der WM in Nordamerika Millionäre duellieren, kämpfen in Glattbrugg junge Männer um eine Zukunft als Profifussballer. Der ehemalige GC-Stürmer João Paiva coacht für die Spielergewerkschaft SAFP vertragslose Spieler.
Wann wohl Granit Xhaka, der Captain der Schweizer Nationalmannschaft, letztmals einen Ball suchen musste? Es ist Donnerstagmittag auf der Sportanlage Au in Glattbrugg, gerade hat João Paiva festgestellt, dass im Vormittagstraining ein Spielgerät abhandengekommen ist und jetzt mutmasslich irgendwo im Gebüsch liegt. «Jungs! Nach dem Mittagessen suchen wir alle zusammen den Ball», sagt Paiva, während seine Schützlinge bei Reis und Poulet zu Tisch sitzen.
Der Ball muss wieder her. Denn die Mittel sind knapp bei der Spielergewerkschaft SAFP, die dieses Camp seit mehr als einem Jahrzehnt praktisch ohne Unterstützung des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) durchführt. Rund 50 000 Franken kostet das knapp fünfwöchige Überbrückungsangebot. Für die Spieler ist alles gratis, auch die Verpflegung. Wer weiter als 100 Kilometer von Zürich entfernt wohnt, erhält ein Hotelzimmer zur Verfügung gestellt.
Die Mehrzahl der Spieler, die sich hier ein paar Wochen fit halten, könnten sich das aus eigener Kraft kaum leisten. Nicht wenige sind in unterklassigen Ligen aktiv, in der Promotion League etwa, wo man sich mit Fussball alleine nicht über Wasser halten kann. Vom Überfluss der WM, diesem fast schon obszönen Luxusturnier der Fifa, sind sie in ihrer Lebensrealität mehrere Galaxien entfernt.
Meistergoalie Steffen als Beispiel
Paiva, 43, zuletzt Trainer der GC-Frauen, ist zum achten Mal dabei. Es hat in all den Jahren immer wieder ermutigende Geschichten gegeben, wie der Portugiese nicht ohne Stolz erzählt. Im Sommer 2023 etwa war Niklas Steffen da. Auf Einladung von Paiva schaute sich der einstige Nationalspieler David Sesa ein Training an, er war damals noch Trainer des FC Rapperswil-Jona. Steffen, heute 25, fand dort nach einem Probetraining Unterschlupf, wechselte ein Jahr später nach Thun und war nun in der abgelaufenen Saison die unumstrittene Nummer 1 des Sensationsmeisters. In ein paar Wochen wird er mit Thun um die Qualifikation für die Champions League spielen. «So schnell kann es gehen», sagt Paiva.
Aber natürlich ist das die Ausnahme. Er erzählt von Spielern aus der 1. Liga, die ihr Geld mit Unterstützung der Gewerkschaft umständlich vor Gericht einklagen müssen, weil schon im Amateurfussball eifrig gemauschelt wird.
Paradiesvogel Karim Rossi
In Glattbrugg haben die Spieler immerhin einander. Die Gemeinschaft hilft, Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu schöpfen. Die Zusammensetzung des Kollektivs verändert sich fast täglich. Hier reist einer ab, um Verhandlungen zu führen. Dort besteht die Möglichkeit, bei einem Klub vorzuspielen. Und auch aus diesem Sommer gibt es verblüffende Geschichten.
Karim Rossi war da, ein 32‑jähriger Stürmer, für den irgendwann die Wortschöpfung «Weltenbummler» kreiert worden ist. Rossi hat schon für 18 verschiedene Klubs gespielt, er war unter anderem in Aserbaidschan, Bulgarien, Indonesien, Luxemburg und Zypern. Hierzulande gab es lose Anfragen aus der 1. Liga, der vierthöchsten Spielklasse. Aber Rossi ist zu Verhandlungen nach Saudi-Arabien geflogen, er dürfte dort einen mit einem mittleren sechsstelligen Betrag dotierten Vertrag unterschreiben.
Die Einstellung stimmt
Für Paiva hat die Geschichte Rossis etwas Symbolisches. Er sagt: «Im Fussball ist so vieles Zufall. Für eine grosse Karriere brauchst du auch Glück und musst zum richtigen Moment am richtigen Ort sein. Vieles kannst du nicht beeinflussen. Aber die eigene Einstellung schon. Und die Jungs, die hier sind, haben alle eine vorbildliche Mentalität. Sie geben nicht auf, sie kämpfen. Das ist schon viel wert.»
Für den Coach sind vor allem die Testspiele eine Herausforderung. Am Wochenende duellierte sich die SAFP-Auswahl mit dem Cupfinalisten Stade Lausanne Ouchy (0:3), am Freitag steht ein Vergleich mit dem FC Rapperswil-Jona auf dem Programm. Paiva sagt: «Es ist eine ganz andere Sache, dieses Team zu coachen als eine Klubmannschaft. Die Resultate spielen eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist, dass sich die Spieler individuell präsentieren können. Aber das geht nur über das Kollektiv.»
Er sagts und verabschiedet sich: Die Suche nach dem verschwundenen Ball ruft.