10 Jahre Naturschutzverein: Zum Geburtstag in den Hörnligraben
Der Naturschutzverein Mittleres Glattal (NVMG) hat zum Jubiläumsspaziergang geladen. Es ist einer der Anlässe, mit dem der Verein sein zehnjähriges Bestehen seit dem Zusammenschluss der beiden lokalen Naturschutzvereine von Wallisellen und Opfikon im vergangenen Jahr feiert.
Samstagmorgen, 9 Uhr. Fünfzehn Interessierte treffen sich am Eingang des Hörnligrabens in Wallisellen. Das Wetter ist perfekt: angenehm warm und noch nicht drückend heiss. Vor dem Spaziergang ein Rückblick in die jüngere Geschichte des zu begehenden Landschaftsraums: In den frühen 1980er-Jahren wollte die Gemeinde Wallisellen den Hörnligraben erschliessen und bebauen. Die Bevölkerung wehrte sich. An einer ausserordentlich emotionalen Gemeindeversammlung stimmten die Wallisellerinnen und Walliseller 1981 dagegen: Der Hörnligraben wurde zur Freihaltezone erklärt. 1995 entbrannte die Diskussion erneut, es kam wieder zu einer Abstimmung, das Resultat blieb dasselbe: Die Bevölkerung wollte den Hörnligraben so, wie er ist. Heute ist das unbestritten.
Und doch hat sich viel verändert. Vor rund 40 Jahren erhielt der Kanton eine Sonderbewilligung, das Riedgebiet des Hörnligrabens landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Der Bach wurde aus den Feldern heraus in unterirdische Röhren verlegt, sogenannte Dolen. Eine Lösung, die bei starkem Regen immer wieder an ihre Kapazitätsgrenzen stiess. Unterdessen weiss man: Ein Bach in Röhren kann nicht überwacht werden, sein Zustand bleibt im Verborgenen. Deshalb wurde der Bach nach einer mehrjährigen Bauphase 2023 wieder freigelegt oder eben ausgedolt. Seither fliesst er offen durch das Gebiet, gesäumt von wertvollen Bepflanzungen und Grünraum. Der Hörnligraben ist heute auch ein wichtiges Hochwasserschutzprojekt: Bei starkem Regen leitet er das Wasser ab und schützt so die umliegenden Gebiete vor Überschwemmungen.
Ein Projekt mit Herzblut
Einer der Schwerpunkte des heutigen Spaziergangs sind die Hochstammobstbäume des NVMG. Hansruedi Glättli setzte sich vor rund 20 Jahren für mehr Hochstammbäume in der Region ein und verhandelte mit der damaligen Gemeinde Wallisellen. Vor rund 15 Jahren wurde die erste Baumreihe am Sportplatzweg/Butzenstrasse gepflanzt.
Die Bäume an der Guyerstrasse sind nun in einem Alter, in dem sie eigentlich einen guten Ertrag liefern und einen wertvollen Lebensraum für Kleintiere bieten sollten. Doch sie sind kränklich. Die genaue Ursache ist unbekannt. Die Hitze der vergangenen Wochen macht die Situation nicht einfacher: Laubbäume können bei extremer Hitze ihr Laub vorzeitig abwerfen, als würden sie frühzeitig in den Winter gehen, um im Frühling neu zu beginnen.
Die Hitze als Problem
Der NVMG wird nun mit weiteren Massnahmen versuchen, die Bäume zu retten: etwa durch Sitzstangen für Greifvögel – um die Mäusepopulation zu regulieren –, durch angepasstes Mähen rund um die Bäume und durch Wassersäcke für eine gleichmässigere Bewässerung. Ziel ist es, die Hochstammkultur wenn irgendwie möglich zu erhalten.
Der NVMG trägt die Verantwortung für mehr als 20 Obstbäume im Hörnligraben und Umgebung. Die Sortenvielfalt ist beeindruckend: darunter historische Sorten von Pro SpecieRara wie der Berlepsch, die Ottenbacher Birne, die Schweizerhose Birne und weitere. Beim Rebberg wurden dieses Jahr vier neue Bäume gepflanzt: Äpfel der Sorte Berner Rose und Quitten, die im Herbst in leuchtendem Rot und Gelb strahlen sollen. Leider erlebten diese Jungbäume gleich in ihrem ersten Jahr einen ausserordentlich trockenen Frühling und extreme Hitze. Freiwillige des NVMG wässerten regelmässig mit Giesskannen, nun werden zusätzlich Wassersäcke eingesetzt.
Jedes Jahr im Winter werden die Obstbäume von einer Gruppe Freiwilliger unter der Leitung von Philipp Maurer geschnitten. Philipp Maurer, von 2018 bis vor kurzem Stadtrat von Wallisellen und zuständig für das Ressort Tiefbau und Landschaft, hat in seiner Amtszeit unter anderem die Bachöffnung im Hörnligraben vorangetrieben. Er pflegt seit Jahren Hochstamm-Obstbäume mit dem NVMG und kennt jeden Baum im Hörnligraben. Gemeinsam mit der Co-Präsidentin des NVMG, Nikola Repke, führte er die Gruppe durch den Hörnligraben.
Das Obst der Bäume eignet sich jedenfalls gut zum Mosten. Am Stand des NVMG wird im September am Riedenermarkt jeweils frischgepresster Most verteilt und man kann selbst Hand beim Mostpressen anlegen.
Bunte Biodiversität
Für lebhafte Momente sorgte das Opfiker Vorstandsmitglied Lena Escher mit spontanen Einlagen: Sie zeigte der Gruppe Insekten, die sie im Hörnligraben entdeckte, und erklärte ihre Besonderheiten. Unter anderem eine Steinhummel, deren Königin allein überwintert, im Frühling einen neuen Staat aufbaut und dabei Erstaunliches leistet: Sie trägt bereits alle befruchteten Eier für den gesamten neuen Staat in sich.
Verschiedene Schmetterlinge bereicherten den Morgen: der Braune Waldvogel mit seinen charakteristischen «Augen» auf den Flügeln – ein Schutzmechanismus, der Vögel täuscht –, das Grosse Ochsenauge, das Kleine Wiesenvögelchen, den Kohlweissling und den Distelfalter. Escher erklärte auch, dass manche Schmetterlinge, wie der Admiral im Herbst, zur Überwinterung die Alpen Richtung Süden überqueren.
Zwei Kinder der Gruppe entdeckten ein Insekt, das sie für eine Biene hielten. Escher klärte auf: Es war eine Schwebfliege. Sie hat nur zwei Flügel (die Biene hat vier), keinen Rüssel, sondern eine zungenartige Taste, und sie kann an einem Ort in der Luft schweben und sogar rückwärtsfliegen. Auch Schwebfliegen saugen Nektar und profitieren von der Biodiversität im Hörnligraben. Übrigens hat der NVMG eine eigene Jugendgruppe, die JUNAkids, die auf Exkursionen die Natur der Region erkundet.
Ein unscheinbarer Holzstapel in einem Metallgitter fiel ebenfalls auf. Das Gitter wurde nötig, weil das Holz zuvor von Grillierenden beim nahegelegenen Grillplatz verfeuert worden war. Das Holz selbst ist ein wertvoller Lebensraum für viele Kleintiere, die das Gitter nicht stört. An einigen der Obstbäume des NVMG hängen auch Nisthilfen für Vögel, gespendet von der Firma Glättli. Sie werden rege von Feldsperlingen und Meisen genutzt.
Ein Blick in die Zukunft
Weiter oben, Richtung Dietlikon bei der Nabe unterhalb der Bachtelwiese, liegt ein weiterer Bach noch in Röhren. Eine Ausdolung ist geplant: Nach heutigem Gesetz muss ein Bach, der saniert werden muss, geöffnet werden. Wird er geöffnet, muss auf beiden Seiten ein Gewässerraum von mindestens 6 Metern freigehalten werden, der nicht landwirtschaftlich genutzt werden darf. Wird nichts getan, drohen bei starkem Regen Überschwemmungen der umliegenden Felder, was bereits alle paar Jahre vorkommt.
Entlang der Zielackerstrasse Richtung Furtbach stehen weitere Bäume des NVMG, einige davon sind schon sehr alt und mit ertragreichen Jahren hinter sich. Die Früchte, darunter feine Pflaumen und Boskop-Äpfel, werden von Passantinnen und Passanten wie Anwohnenden regelmässig gepflückt.
Doch die Zeit dieser Bäume läuft ab: Der Mehrspurausbau der SBB wird eine langjährige Baustelle mit sich bringen, die Bäume müssen weichen. Nach der Bauphase sollen neue gepflanzt werden. Ob und wie gut diese gedeihen, hängt auch davon ab, ob der Wegabschnitt danach asphaltiert wird: Asphalt beeinflusst den Wasserfluss und bringt im Winter Salz mit sich. Der NVMG setzt sich dafür ein, dass die Stadt das Holz der gefällten Bäume als Kleinstruktur in Hecken einsetzen kann, als Lebensraum für Tiere.
Wichtiges Engagement
Was dieser Spaziergang deutlich machte: Der Hörnligraben ist kein Selbstläufer. Er ist das Ergebnis von jahrzehntelangem Engagement, von Gemeindeversammlungen, von Freiwilligen mit Giesskannen, von Menschen, die im Winter Bäume schneiden und im Herbst Obst ernten. Und von einer Gemeinschaft, die bereit ist, Verantwortung zu tragen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Dazu gehören auch die netten Nachbarn, die dem Verein erlauben, bei ihnen Wasser für die Bäume zu holen. Hilfe hat viele Gesichter.
Dass der Hörnligraben gebraucht wird, hat die Spaziergruppe an diesem Morgen hautnah erlebt: Alle paar Minuten musste Velofahrern, Joggerinnen, Spaziergängerinnen, Familien mit Kindern oder einem Hund ausgewichen werden. Schöner lässt sich kaum zeigen, wie sehr dieser Ort mitten im Leben der Stadt steht.
Der NVMG freut sich über jede Form von Unterstützung: beim Obstschnitt im Winter, bei der Ernte im Herbst, beim Bewässern in trockenen Sommern oder einfach als Mitglied.
Informationen und Mitgliedschaft: www.nvmg.ch