Vor ihren Spürnasen sind keine Drogen sicher
Was dem menschlichen Auge entgeht, erschnüffeln sie sofort: Diensthunde Finja und Haze spüren am Flughafen Zürich sämtliche Betäubungsmittel wie Kokain und Haschisch auf – unter Tausenden Reisenden. Ein Blick hinter die Kulissen des Diensthundetrainings.
Fluggäste schieben ihre Rollkoffer über den Boden. Menschen strömen durch
den grünen Ausgang mit der Aufschrift «Nichts zu verzollen». Viele Reisende wollen einfach nur hinaus, vielleicht warten draussen Freunde und Familien. Finja lässt das kalt. Die 11‑jährige Diensthündin arbeitet konzentriert. Sie ist ein belgischer Schäferhund, ein sogenannter Malinois, mit rötlichbraunem Fell. Unter Anleitung ihres Diensthundeführers wird sie von Person zu Person geführt, von Gepäckstück zu Gepäckstück. Für jede Kontrolle braucht sie nur wenige Sekunden, meist fünf, allerhöchstens zehn.
Beobachtend steht Susanne*, Equipenchefin und Diensthundeinstruktorin beim Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG), etwas abseits. Sie ist für die Diensthunde am Flughafen Zürich verantwortlich. «Am Flughafen hast du alles gleichzeitig», sagt sie. «Sehr viele Menschen, unzählige Gerüche, laute Geräusche von Flugzeugen und Rollkoffern, Menschen, die schnell herumlaufen und laut sprechen. Das ist selbst für eine erfahrener Hund sehr anstrengend.»
Es dauert nur wenige Sekunden
Die Reaktionen der Reisenden auf das Diensthundetraining am Flughafen Zürich fallen unterschiedlich aus. Einige lächeln, wenn Finja kurz an ihnen schnuppert, andere wirken angespannt und weichen leicht zurück. Vor allem Kinder erschrecken im ersten Moment, bleiben stehen oder klammern sich an die Eltern. «Hier ist entscheidend, dass der Hund jederzeit unter Kontrolle ist», erklärt die Equipenchefin. «In der Ausbildung trainieren wir deshalb nicht nur die Hunde. Das Training der Hundeführerinnen und -führer ist genauso wichtig.»
Dann nähert sich ein Mann mit Brille. Über der Schulter trägt er eine kleine schwarze Umhängetasche mit weissen Sternen. Finja interessiert sich besonders für die Tasche. Sie schnuppert, tippt mit der Nase dagegen – Anzeige. In derselben Sekunde ist das Klicken von Susanne zu hören. Der Hundeführer greift mit einem Lächeln zum Handtuch, Finjas Spielzeug. Die Hündin springt an, wedelt, packt zu. «Gut gemacht, gut gemacht», sagt er und streichelt sie. Es ist ein Volltreffer: In der Tasche befinden sich Betäubungsmittel. Beim Mann mit der Brille handelt es sich um einen BAZG-Mitarbeitenden, der für das Diensthundetraining entsprechend ausgerüstet wurde. Der Ablauf wird zwei-, dreimal wiederholt. Es ist ein Trainingstag – nicht nur für Finja, sondern auch für die beiden Diensthunde Haze und Bailey.
Nach dem Feierabend trainieren
Einige Meter weiter steht Beat*, technischer Leiter Diensthundewesen Zoll Nordost. Kaum jemand kennt den Zollbetrieb am Flughafen besser als er. Seit 27 Jahren arbeitet er beim BAZG, seit rund 20 Jahren im Diensthundewesen. Seine heutige Funktion bekleidet er seit drei Jahren.
Was für Aussenstehende wie eine routinierte, einfache Übung wirkt, ist das Resultat jahrelanger Arbeit und intensiven Trainings. Der Leiter Diensthundewesen erklärt: «Vor dem Einsatz legt der Hundeführer seinem Hund ein anderes Halsband an. Für das Tier ist das ein klares Signal, dass jetzt gearbeitet wird und es darum geht, Betäubungsmittel aufzuspüren.» Der relevante Geruch wird gezielt mit einer Belohnung verknüpft, meist spielerisch. Der Klick markiert den exakten Moment der Anzeige, danach folgt das Spielzeug.
In Beats Region betreuen die Teams aktuell 16 Diensthunde. Dazu gehören die Kantone Zürich, Thurgau und Schaffhausen, inklusive Flughafen Zürich. Fünf Instruktorinnen und Instruktoren bilden die Teams aus. Die Hunde werden im Alter von etwa 8 Wochen übernommen und bis rund 20 Monate ausgebildet. In dieser Zeit lernen sie alle grundlegenden Fähigkeiten, die sie später im Einsatz benötigen. Danach folgen Spezialisierungen und Einsatztests. Die Hunde leben bei ihren Hundeführerinnen oder -führern zu Hause und werden Teil der Familie.
Unterschieden wird zwischen reinen Spürhunden, die Betäubungsmittel, CITES (Artenschutz) oder Tabak aufspüren, und Kombi-Hunden, die im Schutzdienst und in einem Spürbereich ausgebildet sind. Viele Hunde vereinen mehrere Aufgaben. Das Pensionsalter liegt meist zwischen 10 und 12 Jahren. Schutzhunde werden teilweise früher pensioniert, weil ihre Arbeit körperlich besonders anspruchsvoll ist.
Ein Teil der Ausbildung findet zentral im Kompetenzzentrum für Sicherheit, Intervention und Technik (KOSIT) des BAZG in Interlaken statt. Dort trainieren Teams aus verschiedenen Regionen unter realistischen Bedingungen. Der Rest der Ausbildung geschieht im Alltag. «Die Ausbildung endet nie», sagt Beat. «Auch nach Feierabend müssen die Hundeführerinnen und -führer mit ihren Hunden trainieren. Nur so sind sie bereit für den Einsatz.»
Nase auf dem Band
Der nächste Trainingsort liegt hinter den Kulissen. Im Gepäckraum legt ein Mitarbeiter des Flughafens Zürich Koffer um Koffer auf das Gepäckförderband. Finja springt darauf. Es erinnert an ein Laufband im Fitnessstudio, doch Kondition wird hier nicht trainiert. Die Hündin sucht nach Betäubungsmitteln. Schwarze, weisse, braune und blaue Koffer ziehen vorbei. Der Hundeführer leitet Finja an: «hier», «dort», «weiter». Es sind kurze Kommandos, die es in dieser Situation braucht. Jedes Gepäckstück bleibt nur wenige Sekunden in Reichweite, dann zieht es weiter. Nach einigen Koffern hebt Finja erneut die Schnauze. Anzeige. Das Klicken ertönt. Finja springt vom Band und beisst genussvoll in ihren «Muff» (gerolltes Handtuch). Auch hier haben BAZG-Mitarbeitende vorgängig einen Koffer mit Betäubungsmitteln für das Diensthundetraining vorbereitet.
Doch auch reale Funde gehören am Flughafen Zürich zum Alltag. Im Jahr 2025 stellten die Kantonspolizei Zürich und das BAZG dort über 3,8 Tonnen Betäubungsmittel sicher – darunter Marihuana, Kokain, Heroin, Haschisch und Ketamin.
Auch Schweine könnten schnüffeln
Auf dem Weg zur letzten Übungsstation spricht Beat über die eingesetzten Hunderassen. «Wir arbeiten vor allem mit Schäferhunden», erklärt er. Daneben kämen auch Labrador Retriever oder Cockerspaniels zum Einsatz – je nach Aufgabe und Charakter des Tieres. Grundsätzlich könnten auch andere Rassen ausgebildet werden. «Auch ein Pudel wurde beim BAZG als Tabakspürhund ausgebildet, ein zweiter befindet sich noch in Ausbildung», sagt der Leiter Diensthundewesen Zoll Nordost. Entscheidend sei jedoch nicht die Rasse allein, sondern vor allem Arbeitswille, Belastbarkeit und die Eignung für den Einsatz.
Dass am Flughafen auf Hunde gesetzt wird, ist kein Zufall. Ihr Geruchssinn
ist dem des Menschen weit überlegen: Hunde verfügen über bis zu 220 Millionen Riechzellen, der Mensch nur über rund 5 Millionen. Damit ist ihre Nase mehr als 40‑mal leistungsfähiger als unsere. Auch andere Tiere kämen theoretisch infrage. «Man könnte unter anderem Ratten und Schweine trainieren und einsetzen, die ebenfalls eine feine Nase haben», sagt Beat. «Aber man stelle sich vor, Sie gehen durch den Zoll und ein Schwein schnüffelt an Ihnen. Die Akzeptanz wäre geringer.»
Sprung auf die Paketflut
Der letzte Trainingsposten führt in die Cargo-Logistik. Überall liegen Kartonpakete, die übereinandergestapelt sind, irgendwo dazwischen befindet sich ein kleines Paket mit Betäubungsmitteln – auch dieses wurde vorgängig von BAZG-Mitarbeitenden für das Diensthundetraining präpariert und platziert. Hier arbeitet Haze. Auch er ist ein deutscher Schäferhund. Der Hundeführer prüft zuerst, ob der Untergrund stabil ist. Dann springt Haze auf den rund anderthalb Meter hohen Stapel, hält das Gleichgewicht und schnüffelt weiter. Nach wenigen Sekunden zeigt er wiederum an. Nach mehreren Durchgängen ist dann Mittagspause.
Draussen beim Auto legen sich die Hunde hin. Die Arbeit verlangt hohe Konzentration und ist anstrengend, besonders für den Geruchssinn. Pausen sind deshalb ein Muss. Auf die Frage, wer nach einem solchen Ausbildungstag am Abend wohl müder sei, lacht der Hundeführer, blickt zu Finja und sagt: «Ich denke mal sie, aber das ist auch logisch.»