Die Glatt verlässt das enge Korsett

Thomas Güntert

Die Flughafen Zürich AG revitalisiert die Glatt in Rümlang als ökologische Ersatzmassnahme für eigene Bauvorhaben und soll dabei neue Lebensräume schaffen. Am vergangenen Donnerstag wurden die ersten 700 Meter feierlich eingeweiht.

«Heute dürfen wir die Glatt aus ihrem Korsett befreien und sie in den neuen Lebensraum einleiten», sagte Stephan Bruderer, als der erste Bauabschnitt des Revitalisierungsprojekts am Flughafen symbolisch eingeweiht wurde. Der Projektleiter der Flughafen Zürich AG betonte, dass die Glatt im umgeleiteten Bereich am Flughafen Zürich künftig ihren Lebensraum selbst gestalten kann.

Die Glatt hat ihren Ursprung am Greifensee, der das Wasser aus dem Zürcher Oberland sammelt. Auf dem rund 38 Kilometer langen Weg zum Kraftwerk Eglisau/Glattfelden, wo sie in den Hochrhein mündet, fliesst sie im dicht besiedelten Glatt-Tal durch Dübendorf, Wallisellen und Opfikon, passiert im Unterlauf Rümlang, Niederglatt und Bülach und entwässert dabei grosse Teile des Zürcher Mittel- und Unterlandes.

50 Millionen für die Glatt

Die Glatt wurde im Zuge der Gewässerkorrektionen vor rund 150 Jahren begradigt und auf der Westseite des Flughafengeländes zwischen Opfikon und Rümlang abgesenkt und kanalisiert. Die Flughafen Zürich AG investiert rund 50 Millionen Franken in die auf drei Bauabschnitte aufgeteilte Glattrevitalisierung, die eine gesetzlich vorgeschriebene ökologische Ersatzmassnahme für eigene Bauvorhaben ist, welche schützenswerte Lebensräume beeinträchtigen.

Auf 3,3 Kilometern Länge und einer Breite zwischen 50 und 70 Metern entsteht wieder ein grösserer Gewässerraum mit Mäandern, Flachwasserzonen, natürlichen und vielfältigen Uferstrukturen. Es werden ökologisch besonders wertvolle Riedwiesen, Feuchtgebiete, Böschungen sowie kleine Weiher angelegt und das naturnahe Naherholungsgebiet mit Spazierwegen und Aufenthaltsorten mit Blick aufs Wasser aufgewertet. Auf einer Fläche von über 30 Hektaren entstehen neue Lebensräume, wobei 950 Bäume gepflanzt und mehr als 100 seltene Pflanzenarten gefördert werden.

Der symbolische Einweihungsakt

Am letzten Donnerstag wurde im Beisein von rund 100 Personen die Glatt in ihr neues, 700 Meter langes Flussbett geleitet. Als symbolischer Einweihungsakt leerten Vertreter der Flughafen Zürich AG, des Kantons Zürich, der Standortgemeinde Rümlang und der ausführenden Bauunternehmung jeweils einen Eimer Wasser aus dem alten in den neuen Glattlauf.

Der Bagger schüttete dann ebenfalls eine Baggerschaufel Wasser vom alten ins neue Flussbett. Dann wurde der Damm zwischen den beiden benachbarten Bachläufen zuerst am unteren Bachlauf geöffnet, sodass das Wasser sich im neuen kurvenreichen Flussbett entgegen der eigentlichen Fliessrichtung langsam aufstaute. Dann trug ein Bagger auch den Wall am oberen Flusslauf ab, worauf das Wasser die Richtung wechselte.

«Von aussenstehender Seite sind oft Begriffe wie ‹Mondlandschaft› gefallen und wir wurden gefragt, ob wir hier ein Skigebiet bauen», sagte Thomas Huber, Präsident der Standortgemeinde Rümlang. «Wir freuen uns natürlich, wenn es vorwärts geht und es hier wieder eine grüne Landschaft gibt, wo sich ökologisch wertvolle Pflanzen, Amphibien und Insekten ansiedeln», sagte der Gemeindepräsident.

Sanierung ist ein Kantonsprojekt

Christian Marti gilt als Gründervater des Projekts, wobei er sich lieber als Erstbeteiligter bezeichnet. Der Abteilungsleiter Wasserbau des Kantons Zürich hat im Jahr 2006 die Projektleiterstelle im Wasserbau angetreten und wurde ein Jahr später für den Sachplan Infrastruktur Luftfahrt bezüglich des künftigen Perimeters des Flughafens aufgeboten, in dem die Glatt im Wege war. Daraufhin wurde ein Vorprojekt für die Glattrevitalisierung erarbeitet.

Marti erklärte, dass durch die Nähe des Projekts zum Flughafenareal ökologische Auswirkungen der Flughafenentwicklung direkt in der Region ausgeglichen werden können. «Darum ist das heute ein Flughafenprojekt und nicht ein Kantonsprojekt», betonte Marti und bemerkte, dass er in Bern sogar vertreten musste, dass es sinnvoll ist, Ersatzmassnahmen an einem Fluss umzusetzen, den ursprünglich der Kanton revitalisieren wollte. «Daraus ist eine hervorragende Zusammenarbeit zwischen dem Flughafen, den betroffenen Gemeinden und dem Kanton entstanden», sagte Marti.

Vorerst Schluss nach Abschnitt eins

Die Glattrevitalisierung begann im April 2025 ausserhalb des Flughafengeländes vor dem Tor 130 auf einer Länge von rund 1,2 Kilometern, wo im Gebiet Eichhof zwischen der Neuen Rohrstrasse und dem Zufluss des Rümelbachs ein 700 Meter langes Flussbett erstellt wurde. Zu Beginn wurde auf einer 240 Meter langen Pilotstrecke erprobt, wie der Fluss Schritt für Schritt wieder zu einem abwechslungsreichen und naturnahen Lebensraum werden kann. Flache Uferzonen bieten Jungfischen geschützte Entwicklungsräume und steile Prallhänge schaffen Lebensräume für Wildbienen und Eisvögel.

Belastete Böden bremsen Projekt

In den nächsten Wochen wird der alte Flusslauf mit dem abgelagerten Aushubmaterial aufgefüllt. Bis im Frühling 2027 werden auf dem 200 Meter langen Abschnitt flussabwärts bis zum Hotel Radisson in Rümlang die Ufer des bestehenden Flussbetts naturnäher gestaltet und der erste Abschnitt fertiggestellt. Im Gebiet Eichhof werden insgesamt rund 1,8 Hektaren neue Riedwiesen mit besonders artenreichen und ökologisch wertvollen Feuchtlebensräumen angelegt, 345 Bäume und rund 11 600 Sträucher gepflanzt sowie die Wegführungen fertiggestellt.

Die Neugestaltung der verbleibenden zwei Abschnitte kann vorerst jedoch noch nicht umgesetzt werden, da die bisher landwirtschaftlich genutzten Böden nördlich und südlich des bereits revitalisierten Flussstücks und die Glattuferböschungen mit PFAS-Chemikalien belastet sind. Bisher ist noch nicht geklärt, wie mit den per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen belasteten Böden umzugehen ist und wer die hohen Kosten dafür bezahlt.

«Wir müssen das Projekt bis auf weiteres sistieren, bis Rechts- und Planungssicherheit besteht», erklärte der Flughafenleiter Stefan Tschudin und betonte, dass der Umgang mit PFAS-belasteten Böden kein lokales, sondern ein schweizweites Problem ist.