15.07.2019 Von: Alexander Vitolic

News, Stadtanzeiger, Zürich Nord

Kühlen Kopf bewahren in der Kirche


Die Kollegen von der Tagi-Redaktion nehmen diese Woche Einsitz in der Kirche St.Peter. Wir haben vor zwei Wochen Zuflucht vor der Hitze in einer Kirche in Opfikon gesucht.                         

Das alte Schulhaus Mettlen sieht aus, als ob es schlafen würde. Alle Läden sind geschlossen. Auch der Pausenplatz brutzelt kinderleer in der Mittagshitze vor sich hin. Es ist der bisher heisseste Nachmittag des Jahres.

Ein paar Mädchen tummeln sich im Schatten des Schulhauses beim Hortausgang. Sie verraten, dass die meisten Klassen am Nachmittag in die Badi geflüchtet seien. Gestern hätten sie eine Wasserschlacht veranstaltet, verrät ein anderes.
Und heute?
«Wir gehen in die Kirche!»
Gute Idee, da ist es kühl. Aber nur deshalb? Nein. Kurz darauf stossen die Kinder zu ihrer Klassenlehrerin, Ena Kristo, im Innern des vor sich hin schlummernden Schulhauses. Sie bestätigt, dass der Religionsunterricht an diesem Nachmittag in der katholischen Kirche St. Anna stattfinden wird. Gemeindeleiter Thomas Lichtleitner hat sich bereit erklärt, den rund zwanzig Mädchen und Buben im kühlen Gotteshaus Zuflucht vor der Hitze zu gewähren und eine Führung durch die Kirche zu geben.

Drinnen kehrt fast augenblicklich Stille ein. Die Schüler verteilen sich auf den Bänken, und Lichtleitner beginnt, noch ohne das Licht einzuschalten, auf die Eigenheiten der Kirche einzugehen: den fünfeckigen Innenraum, die im Sonnenlicht leuchtenden «Schöpfungsfenster», das expressionistische, fünfteilige Altargemälde, die Orgel auf der Galerie («ein grosser Ventilator mit Tausenden Flöten»), das Taufbecken aus Sandstein, die Menora beim Altar, die Verbundenheit zum Judentum ausdrückt.

Lichtleitner findet für all das geduldig einfache Worte. Und erklärt, dass nicht alles eine Glaubensfrage sei: Dass Jesus existiert habe, sei historisch mittlerweile gesichert.
Und Gott? fragt ein Mädchen.
Es gebe vielleicht keine Beweise dafür, dass er existiere, aber auch keine, dass er es nicht tue. Das Interesse der Schüler ist gross. Viele bringen eigene religiöse Erfahrungen und Hintergründe ein: muslimische, jüdische, orthodoxe, selbst das Bilderverbot kommt zur Sprache.

Nach gut einer Stunde ist es drinnen fast so warm wie draussen und der Wissensdurst allmählich gestillt. Bei der Verabschiedung dann doch noch eine Frage, auf die selbst der Diakon keine Antwort weiss: ob es Einhörner gebe. «Das hab ich mir noch nie überlegt.» Die Kinder lachen. (vit.)



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