28.05.2019
News, Züriberg, Klotener Anzeiger, Stadtanzeiger

Der Frühling 2019 kam nicht vom Fleck


Akeleien blühen in einem Garten: Die Vegetation hat unter dem kühlen Mai nicht sehr gelitten. Foto: A. J. Minor

Der Eindruck täuscht nicht: So kalt war ein Mai in den letzten Jahrzehnten selten. Eine Analyse. - Es ist Mitte Februar 2019. Der Frühling kommt so richtig in Fahrt. Die Tageshöchstwerte steigen bis gegen 15 Grad. Am 28. Februar klettert das Quecksilber in Zürich sogar auf über 18 Grad. Die Woche vom 25. Februar bis zum 3. März ist mit durchschnittlich 7 Grad für die Jahreszeit ausgesprochen mild.
Wir blättern in der Wetterchronologie zum Mai 2019. Knapp drei Monate später. Der Frühling kommt nicht vom Fleck. Die Tageshöchsttemperaturen steigen häufig nicht über die 15-Grad-Marke. Die Woche vom 3. bis 9. Mai ist mit durchschnittlich 7 Grad für die Jahreszeit ausgesprochen kalt. Das Gefühl täuscht für einmal nicht. Seit mehr oder weniger vier Monaten herrscht ein «konstantes» Temperaturniveau. Nur ob nun seit vier Monaten Frühling herrscht oder eben immer noch Winter, darüber scheiden sich die Geister. Der Mai 2019 war im Durchschnitt nur 7 Grad wärmer als
der Februar 2019. Normal wäre ein Temperaturunterschied von rund 11  Grad. Allerdings geht es noch extremer. Im Frühjahr 1957 war der Mai nur 5 Grad milder als der Februar. Der Mai war damals noch kälter als in diesem Jahr. Die Vegetation hat sich im Frühling 2019 trotzdem früh und schnell entwickelt. In der ausgesprochen kalten Woche Anfang Mai musste sie allerdings eine Nagelprobe bestehen. Mit gleich zwei Frostnächten in Folge (6. und 7. Mai), und das mitten im Vollfrühling, hatte wohl niemand gerechnet. In Zürich waren es die ersten Frostnächte in einem Mai seit 1979. Auch damals gab es zwei Frostnächte. Seither sind Fröste im Mai aus dem Klima gänzlich verschwunden. Davor traten diese allerdings immer wieder auch noch später im Mai auf. Im Mai 1935, 1941 und 1957 wurden in Zürich sogar je vier Frostnächte, im Mai 1909 sogar fünf Frostnächte registriert.

Selten kalter Mai
Der Mai 2019 wird als der kälteste seit 29 Jahren in die Wetterannalen eingehen. Die ersten zwei Monatsdrittel waren in Zürich nur gerade 9,1 Grad kalt. Insgesamt dürfte der Mai 2019 in Zürich gegenüber dem langjährigen Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010 2,5 bis 3 Grad zu kalt ausfallen. Der diesjährige Mai ist damit um unglaubliche 5 Grad kälter als seine Vorgänger in den Jahren 2017 und 2018. Ähnlich unterkühlt, aber eben doch ein bisschen milder waren die Mai-Monate in den Jahren 2010 und 2013. Letztmals kälter war der Mai 1991. Damals war der Mai nochmals rund 1 Grad kälter als heuer. Der ungewöhnlich kalte Mai 2019 ist ein seltenes Ereignis im heutigen Klima des Mittellands. In der vorindustriellen Periode von 1864 bis 1900 traten im Mittelland Mai-Monate mit Durchschnittstemperaturen selbst unter 9 Grad hin und wieder auf. Die damaligen sehr kalten Ereignisse von unter 9 Grad sind aus dem Mai-Klima verschwunden. Ab 1991 blieben auch die die kühlsten ersten Mai-Hälften über 10 Grad.
Wie unwirtlich sich das Mai-Wetter 2019 tatsächlich präsentierte, zeigen gleich zahlreiche Indikatoren. An 13 der 21 ersten Mai-Tage verharrten die Tageshöchstwerte unter 15  Grad. Lediglich einmal zeigte das Thermometer in Zürich in den ersten beiden Monatsdrittel mehr als 20 Grad an. An jedem zweiten Tag wurde in der Limmatstadt Regen registriert, und die Sonne schien in den ersten 21 Tagen weniger als 100 Stunden. Abgesehen von zwei Ausnahmen musste an jedem Mai-Tag bis zum 21. geheizt werden. Dies zeigt eindrücklich, wie kalt der diesjährige Mai war. Im Durchschnitt der letzten 30 Jahre bringt der Mai nämlich lediglich 8 bis 9 Heiztage, an denen die Durchschnittstemperatur unter 12 Grad bleibt. Der Mai 2019 war zwar kalt, trüb und nass, aber keineswegs einzigartig. Vor neun Jahren im Mai 2010 zeigte sich das Frühlingswetter von einer ähnlich rauen Seite. Mit 15 Tagen unter 15 Grad, 15 Regentagen, lediglich einem Tag mit mehr als 20 Grad und durchgehendem Heizbedarf (bis zum 21. Mai) war der Mai 2010 sogar noch eine Stufe extremer. Einziger Unterschied: Im Mai 2010 blieb Zürich vom Frost verschont. Das letzte Monatsdrittel war 2010 dann deutlich wärmer, sodass ein Teil des Wärmedefizits kompensiert wurde. Auch die Wonnemonate 1902, 1929 und 1941 brachten sehr kühles und graues Mai-Wetter. Im Mai 1939 zeigte sich die Sonne in den ersten 21 Mai-Tagen lediglich für 35 Stunden. Kein Wunder, denn die Niederschlagsmengen summierten sich auf über 220 Liter pro Quadratmeter – das sind fast doppelt so viel wie im diesjährigen Mai.

Normaler Frühling
Mit dem Mai 2019 geht auch der meteorologische Frühling 2019, welcher von März bis Mai dauert, zu Ende. Der März verlief zweigeteilt. Nach
einer milden, aber stürmischen und feuchten ersten Monatshälfte etablierte sich anhaltendes mildes Hochdruckwetter. Entsprechend war der März deutlich übertemperiert und sonnig. Der April war dank des sommerlichen Osterwochenendes leicht übertemperiert. Sonst war er wechselhaft und unbeständig. Zusammen mit dem kalten Mai resultiert ein temperaturmässig völlig durchschnittlicher Frühling 2019. Auch die Niederschlagsmengen von März bis Mai entsprechen in etwa der Norm. Der April war zwar deutlich zu trocken, dafür war aber der Mai deutlich zu nass. Silvan Rosser



Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Küsnachter Glattfelder Kilchberger Klotener Anzeiger Volketswiler Nachrichten